Berlin : Mädchen aus der Sowjetzone

Warum eine deutsch-schwedische Hochzeit vor 50 Jahren Schlagzeilen machte

Lothar Heinke

Es war einmal eine Geschichte wie aus dem Märchenland: Das Aschenputtel und der Prinz. Das Mädchen aus der Sowjetzone und ihr Weg in ein Land, wo Milch und Honig fließen...

Die ganze Sache liegt fünfzig Jahre zurück, aber sie passiert auch heute, jetzt, vielleicht in diesem Moment, da die handelnden Personen in ihrer Zeitreise wiederholen, was damals geschah. Sie gehen in die gleiche Kirche und wohnen im Hotel „Columbus“, das es noch immer gibt in der Meinekestraße.

Vor 50 Jahren stand alles im Tagesspiegel unter der Überschrift „Liebe kennt keine Grenzen“: Die Hochzeitsgäste fuhren sowohl mit schweren Wagen vor als auch mit der Straßenbahn, und die Damen trugen sowohl Nerzcapes als auch abgetragene Tuchmäntel. Aber alle Anwesenden lächelten sich an: Es war ja Hochzeit. In der kleinen schwedischen Kirche an der Bundesallee Ecke Berliner Straße wurde ein junges Paar getraut, für das Landesgrenzen keine Herzensgrenzen waren. Barbara von Klueden, ein Flüchtlingsmädchen aus Wernigerode in der Sowjetzone, und Leutnant Hermann Westrup aus Stockholm schlossen den Bund fürs Leben. Nach schwedischer Sitte betrat zuerst der 24-jährige Bräutigam in seiner schmucken Leutnantsuniform die Kirche. Zwanzig Minuten später schritt unter dem Geläut der Kirchenglocken die 22-jährige Braut am Arm des schwedischen Generals Baron Akerhien über die Kirchenschwelle. Aus dem Flüchtlingskind war, wie man auf den Fotos sehen kann, ein glückliches Schwedenmädel geworden. Ein schönes Paar! Die Fotografen überschlagen sich, Berlin war so klein, die Aufmerksamkeit groß.

1956. Es ist das Jahr, in dem Johanna von Koczian zum ersten Mal als Anne Frank auf der Bühne des Schloßpark-Theaters steht, Gottfried Benn (70) und Bertolt Brecht (58) zu Grabe getragen werden und Abgeordnetenhauspräsident Willy Brandt mitteilt, dass der millionste Flüchtling aus dem sowjetischen Besatzungsgebiet in West-Berlin eingetroffen sei. Einer ist Barbara von Kloeden. Die Berlinerin aus Friedenau war während des Krieges vor den Bomben nach Wernigerode in den Harz geflüchtet und 1947 der Einladung eines Onkels nach Schweden gefolgt. Dort blieb die 13-Jährige, denn „es war eine ganz andere Welt, ein Paradies, ein Schlaraffenland, weit weg von Kriegsnot, Hunger und Entbehrung.“ Der Onkel Akerhien war General und Militärbefehlshaber auf Gotland. Dort lebte Barbara ohne Sorgen. Ihre Mutter indes war ihr Leben lang traurig darüber, dass die Tochter nicht zurückgekommen war. Mutter und Tochter haben ihre Gedanken so intensiv in Briefen ausgetauscht, dass Barbara Westrup dies alles vor einem Jahr aufgeschrieben und veröffentlicht hat. „Eine andere Welt“ heißt das Buch.

Das deutsche Schwedenmädel lernt die Sprache, wird Sekretärin, später Studienrätin. Aber vorher kommt das zweite schwedische Glück, in Uniform – der große, schlanke Leutnant Herman Westrup. In einem Stockholmer Restaurant lernen sie sich kennen und heiraten sieben Jahre später in Berlin, wo das Elternhaus in der Wilhelm-Hauff-Straße als einziges dem großen Bombenangriff 1943 widerstanden hatte. „Dort werde ich der Familie zeigen, wo wir einst im Keller gesessen und gezittert haben“, sagt Barbara Westrup heute. Fast alle sind da, wenn heute die Goldene Hochzeit in der schwedischen Kirche gefeiert wird – drei Kinder und sieben Enkel schenken dem Paar ein abendliches Festessen.

Und weil sie nicht gestorben sind, diese Märchenkinder aus Ähus, die 72-jährige Dichterin und der 77-jährige Oberst, sagen sie, wie man sich nach 50 glücklichen Jahren fühlt: „Es ist immer noch Liebe, die uns zusammenhält, wir machen alles gemeinsam, wir sind so zusammengewachsen.“

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