Berlin : Männer hinten anstellen

Der Bezirk Mitte benennt seine Straßen grundsätzlich nach Frauen. Die Kritik daran wird immer lauter

Matthias Oloew

Ihm verdankt Berlin die Nofretete. James Simon hieß der Mäzen, der die Ausgrabungen in Ägypten finanzierte, die die weltberühmte Büste zu Tage förderten. Aber nicht nur das: Er spendete für das Kaiser-Friedrich-Museum, das heutige Bodemuseum, und gab reichlich Geld, um die ersten Volksbadeanstalten der Stadt zu errichten. Seit drei Jahren versucht eine Initiative um Bernhard Schultz, Leiter der Villa Grisebach, den Bezirk Mitte zu überzeugen, eine Straße oder einen Platz nach dem Wohltäter zu benennen. Aber selbst Unterstützer-Briefe von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei/PDS) bis Richard von Weizsäcker (CDU) haben nichts genützt. Der Bezirk Mitte weigert sich, Simons Namen auf ein Straßenschild zu drucken.

„Das ist bedauerlich“, sagt Bezirksbürgermeister Joachim Zeller (CDU), „weil es Simon verdient hätte, im Stadtbild gewürdigt zu werden.“ Aber dennoch muss Zeller die Entscheidung verteidigen: „Wir sind an einen Mehrheitsbeschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gebunden.“ Und der sieht vor, dass in Mitte neue Straßen nur noch nach Frauen benannt werden dürfen – so lange, bis ein Gleichstand zwischen Männern und Frauen erreicht ist. Da die Männer ungefähr zehnmal so oft vertreten sind, könnte es noch Jahrzehnte dauern, bis James Simon eine Straße bekommt.

Das ist auch für den ehemaligen Polizeipräsidenten Georg Schertz nur schwer nachzuvollziehen. Er bemüht sich seit längerem darum, eine der Straßen, die in dem neuen Viertel rund um das im Bau befindliche Einkaufszentrum „Alexa“ entstehen, nach Polizeipräsident Bernhard Weiß zu benennen. Weiß war in der Weimarer Republik engagierter Streiter für die Demokratie, legte sich in 200 Verfahren mit Joseph Goebbels an und kämpfte für ein Verbot der SA. Was Weiß für Schertz noch ehrbarer macht: Obwohl er als Jude vor den Nazis ins Exil nach London geflüchtet war, hatte er auf Bitten von Ernst Reuter zugesagt, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Berlin zurückzukehren, um beim Aufbau der Polizei zu helfen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Weiß starb vor seiner Rückkehr nach Berlin.

„Die BVV hat zurzeit alles abgelehnt“, sagt Bürgermeister Zeller. Deshalb werden die Straßen nach Frauen benannt, deren Andenken in den Augen von Bernhard Schultz und Georg Schertz ebenfalls bewahrenswert ist. Im Karree am neuen Hauptbahnhof erhielt jüngst eine Straße den Namen von Elisabeth Abegg, die als Widerstandskämpferin in der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wird. Schultz und Schertz wollen mit ihren Vorschlägen nicht die Frauen zurückdrängen, aber sie sprechen sich dagegen aus, an der Frauen-Regel dogmatisch festzuhalten.

Zwei Mal hat der Bezirk bislang eine Ausnahme gemacht. Für Ben Gurion und Yitzhak Rabin waren Straßen am Tiergarten und dem Sony-Center frei. „Diese Namensgebung hat die BVV nachträglich als einmalige Ausnahmen genehmigt“, erklärt Bürgermeister Zeller. Baustadträtin Dorothee Dubrau (Grüne) berichtet, das auf den Schreibtischen des Bezirksamts hunderte Vorschläge für neue Straßennamen aus der Bevölkerung liegen, „aber alles sind Männer“.

Georg Schertz regt an, der Senat solle wegen der gesamtstädtischen Bedeutung die Namensgebung an sich ziehen. Damit würde der Senat dem Bezirk eine Kompetenz abnehmen, um die er sich zuvor grundsätzlich nicht gekümmert hat: Straßennamen sind allein Bezirkssache.

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