Berlin : Männer mit„jroßenKöppen“

Die Britische Botschaft öffnet ihr Haus für eine Schau über den Karikaturisten Vicky. In England war er eine Institution

Lothar Heinke

Vicky? Nie gehört. Gut, Vicki Leandros. Aber die meinen wir nicht. Unser Vicky ist männlich und heißt eigentlich Victor Weisz. In England kennt ihn fast jeder, in Deutschland kann er gerade jetzt wiederentdeckt werden. In der Britischen Botschaft. Man muss nur sagen, dass man zur Vicky-Ausstellung möchte, durch die schmale Öffnung an der Absperrung in die Botschaft gehen, den Mantel ausziehen, Handy, Schlüsselbund und Portemonnaie (wie auf dem Flughafen) in ein Körbchen legen, durch die Sicherheitsschleuse schlendern und über den Hof die Treppen hoch in den Wintergarten gehen. Dort stehen 17 Staffeleien, auf denen uns Vicky mit einer Auswahl seiner Arbeiten näher kommt – ein kleiner Mann mit wallendem Haar neben seiner halben Glatze, den Federhalter geschultert wie ein Gewehr. Werkzeug und Waffe.

Vickys Gastspiel, arrangiert von den Presseclubs beider Hauptstädte, ist die späte Rückkehr „eines talentierten Sohnes dieser Stadt“ in seine Heimat, wie Botschafter Peter Torry sagt. Und dies ist Vickys Lebensstory: Der Sohn der ungarischer Juden Isabella und Deszdo Weisz – Vater ist Goldschmied und Juwelier – wird im April 1913 in der Regensburger Straße 14 geboren und erhält mit elf Jahren Kunstunterricht bei einem Maler, später geht er zur Kunstakademie. Als der Junge 15 ist, nimmt sich sein Vater das Leben. Vicky muss die Familie ernähren. Er bewirbt sich beim 12-Uhr- Blatt, der Sportchef sagt dem Jungen, was er braucht: „Männer mit jroße Köppe und kleene Beenekens“. Die malt er, und sein Porträt von Maxe Schmeling ist auch heute noch etwas Besonderes, weil es Victors Talent offenbart, das Wesentliche hervorzuheben und vieles andere wegzulassen. Die Boxer haben es dem Zeichner besonders angetan, Viktor wird im Jüdischen Boxverein „Maccabi“ Berliner Jugendmeister, und bald malt er nicht nur für den Sport, sondern attackiert mit seinen Karikaturen auch die Nazis. 1933 wird er entlassen, geht nach Ungarn, 1935 nach London. Er bringt seinen europäischen Blickwinkel in die bis dahin oft auf Großbritannien zentrierte Politikberichterstattung. Vicky zeichnet für Zeitungen und Magazine und erhält ab Mai 1941 eine tägliche politische Karikatur im „News Chronicle“, obwohl das Blatt nur vier Seiten hat. Eine große Ehre für ihn und seine antifaschistischen Cartoons.

Michael Foot, der einstige Labour-Chef, sagt heute zum „besten Freund, den ich je hatte“: „Vicky war, nach den Worten des von Vicky verehrten Heinrich Heine, ein braver Soldat im Befreiungskrieg der Menschheit.“ Sein Stil wurde von den Karikaturen aus dem Simplizissimus geprägt, aber auch von Figuren der Käthe Kollwitz und Heinrich Zilles. Er zeichnete präzise Vorhersagen politischer Ereignisse, die dann auch wirklich eintrafen, und er glaubte daran, dass sich seine „Opfer“ (wie Premierminister Harold Macmillan, Vickys „Supermac“) irgendwann der Karikatur anpassen würden. Interessant ist, dass Victor Weisz von 1958 bis zu seinem Selbstmord 1966 für den konservativen „Evening Standard“ zeichnete. Der Herausgeber beschäftigte den linksgerichteten Vicky, damit die Leser an den Karikaturen Anstoß nähmen. Die unverblümte Kritik an der Politik der Konservativen ließen den Zeichner so berühmt wie berüchtigt werden. Nun ist er also für kurze Zeit wieder da, wo er hergekommen ist.

Die Ausstellung in der Britischen Botschaft in der Wilhelmstraße ist noch bis zum 26. Februar zu sehen, Montag bis Donnerstag von 13 bis 17 Uhr, Eintritt frei.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar