Berlin : Märkische Schweizer

Wowereit wirbt in Zürich um Investoren Eidgenossen schicken neuen Botschafter nach Berlin

Elisabeth Binder

Wohin man blickt, stehen Männer in roten Kniestrümpfen und roten Westen mit Blumensträußen im Arm. Mitten unter ihnen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in dezentem Banker-Blau, mit hellblau gemusterter Krawatte zum Anzug. Die Männer der Züricher Riesbach-Zunft, deren Gast er ist, tragen beigefarbene Pluderhosen und dulden nach uralter Tradition bei ihren Feierlichkeiten keine Frauen unter sich. Aber das stört den Regierenden nicht, wie er am Morgen des traditionellen Sechseläutens auf einer Pressekonferenz mit routinierter Selbstironie sagt. Die zünftigen Herren geben ihrem Ehrengast eine Kapelle zum Geleit, die die „Berliner Luft“ intoniert, während kleine Mädchen mit Blumenkörbchen und bezaubernden Trachten aus der Ferne winken.

Wowereit ist nach Zürich gekommen, um auf dem Weg nach Karlsruhe, wo heute über die Entschuldungshilfe des Bundes verhandelt wird, ein finanzielles Extranetz für Berlin zu knüpfen. Zürich ist für ihn voller potenzieller Berlin-Touristens und Investoren, denen man nur klar machen muss, wie nah beieinander die beiden Städte liegen, Zürich klein, aber fein mit 360 000 vielfach gut betuchten Einwohnern, für die das glitzrig große Berlin ein zunehmend attraktives Ausflugsziel ist. Air Berlin fliegt die Strecke nonstop, dauert nur eine Stunde und zwanzig Minuten.

Dass Klaus Wowereit am Tag des rituellen Wintervertreibens Ehrengast ist, verdankt er indirekt dem früheren Schweizer Botschafter Thomas Borer, der mit seiner Frau Shawne auf dem Höhepunkt der Spaß-Ära im Jahr 2000 den Schweizer National-Feiertag am 1. August in Berlin erstmalig als gigantisches Fest inszenierte, mit Schweizer Leckerlis für 10 000 Passanten sowie Gala mit Feuerwerk für geladene Gäste. Seitdem stellt sich alljährlich ein Kanton dar. Diesmal wird es der Kanton Zürich sein, der gemeinsam mit Berlin aus dem Ereignis Funken schlagen will. Motto: „Zürich ist dufte“. Deshalb war auch Werner Baumann, der vor vier Jahren Borers Nachfolge angetreten hatte, am Montag mit in die Zürcher Schulaula gekommen. Er hat, obwohl er sonst eher diskret im Hintergrund wirkte, den gigantisch aufgepeppten Nationalfeiertag zum Wohle der Wirtschaft konsequent weitergeführt.

Gestern Abend gab er in der Botschaft in Berlin seinen Abschiedsempfang. Seine Koffer sind bereits verschifft, künftig wird er die Schweiz in Kanada und auf den Bahamas vertreten. Um seinen Nachfolger, Christian Blickenstorfer, bislang Botschafter in Washington , auf die Berliner Besonderheiten einzustimmen, hatte er ihn mitgebracht, als Wowereit in der mit prächtigen Schnitzereien ausgestatteten Schulaula für die Wirtschaftsachse Berlin-Zürich trommelte.

Wie ausgelassen die Schweizer daheim feiern, konnte Wowereit am Tag des Wintervertreibens beim Sechseläuten eingehend studieren. Zehn Minuten werde es dauern, bis der „Böögg“ genannte Schneeman explodiert, hatte er prophezeit. Acht Minuten, nachdem die Uhr sechs geschlagen hatte, färbte er sich auf einem flammenzüngelnden Reisigberg rußschwarz, gab kanonendonnerartige Explosionsgeräusche von sich, während bunt kostümierte wilde Reiter ihn windmachend immer wieder umrundeten. Zwei Minuten später explodierte zum allgemeinen Jubel der Kopf. Großartiger Rummelfaktor, der fast eine Art Seelenverwandtschaft zwischen Zürich und Berlin offenbarte.

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