Berlin : Märkisches Museum: Niedliches Gemetzel

Christian Domnitz

Als Hans Christian Andersens "tapferer Zinnsoldat" von seiner abenteuerlichen Reise zurückkehrt, ist seine Uniform fleckig und fahl. Kurz nach der Heimkehr, am Ende des Märchens, zerschmilzt er aus lauter Leidenschaft. Übrig bleibt ein Herz aus Zinn. So groß ist seine Liebe zu der kleinen Tänzerin aus Papier, die neben ihm im Feuer verbrennt. Leidenschaft ist auch zu spüren auf der Zinnfiguren-Ausstellung "Preußen - Werden, Glanzzeit, Niedergang", die am Samstagabend zum Sommerfest im Märkischen Museum am Köllnischen Park in Mitte eröffnet wurde. Sammelleidenschaft.

Akribie ist das Leitthema: Hier gilt die Liebe dem Detail. Die Figuren, etwa zwei Zentimeter hoch, stehen in 56 kleinen Panoramen, so groß wie Schuhkartons. Eine Glasscheibe gibt den Blick frei in Miniatur-Geschichtswelten. Bunt strahlen die Farben der Figuren. Selbst ein nachmodellierter Spießrutenlauf wirkt hier pittoresk: Die blauen Uniformen der Peiniger schillern, der Gequälte zieht den Kopf ein. Aber alles sieht richtig niedlich aus.

Die Ausstellung zeigt Schlüsselszenen der preußischen Geschichte: Jagdszenen Friedrich Wilhelms I., preußische Truppen, die der sächsisch-österreichischen Armee im Zweiten Schlesischen Krieg 83 Standarten raubten oder die Tafelrunde Friedrichs des Großen 1750 auf Schloss Sanssouci: Zehn Herren mit Puder-Perücke sind ins Gespräch vertieft. Sie halten Weinkelche in der Hand. Auf dem Tisch stehen Pasteten, rundherum hängen edle Gemälde.

Preußen sei ein diffiziles Thema, sagt Ausstellungsmacher Peter Wellnitz vom Verein "Klio - Freunde der Zinnfigur". Dem Staat werde Militarismus nachgesagt, andererseits habe er religiöse Toleranz geübt. "Nicht alles an Preußen war schlecht", sagt Wellnitz. Doch das Ambivalente entdeckt man in der Miniatur-Ausstellung nicht. Sie ist ein Disneyland für Lupengucker. Putzig, mehr nicht. "Man muss schon etwas für die Geschichte übrig haben, wenn man Zinnsoldaten sammelt", sagt Vereinsmitglied Joachim Latzel. Denn sonst verwechsle man zum Beispiel die Farben der Uniformen. Er war Justizvollzugsbeamter, ist jetzt in Pension. Schon seit Jahren kauft er Zinnfiguren und malt sie an: eine Fitzelarbeit. "Ich klemme mir eine Lupe auf die Lesebrille." Und dann bemalt er seine Figuren mit echter Ölfarbe. Eine Woche kann das schon mal dauern, sagt er. Denn er trägt die Farbe in vier Schichten auf.

Und wer so viel malt, bringt seinen Objekten, meist preußischen Soldaten und Kaisern, doch irgendwann Sympathie entgegen. So heißt es im Ausstellungstext zur Szene, in der dem Preußentum 1848 mit den Berliner Barrikaden ein schnelles Ende drohte (Friedrich Wilhelm IV. hat die Bürgerliche Revolution zu überstehen): "Friedrich, halt durch, damit wir weiter was zu bemalen haben!"

Die Preußen-Fans waren auch dabei, als zusammen mit der Ausstellung eine restaurierte Halle des Märkischen Museums eröffnet wurde. Dort sprachen Volker Hassemer von "Partner für Berlin" und Museums-Chef Reiner Güntzer (siehe Kasten). Und danach wurde gefeiert - bis Mitternacht.

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