Berlin : Mäzene spielen eine tragende Rolle

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Von Ulrich Zawatka-Gerlach

Viele Berliner Unternehmen können sich vor Bittbriefen von Kultureinrichtungen und -projekten, die Geld brauchen, kaum retten. „Manche Sponsoren verzichten sogar auf werbende Logos auf Veranstaltungsplakaten oder Eintrittskarten, um nicht noch mehr Anfragen auf sich zu ziehen“, sagt Ursula Vogel-Scheller, die in der Kulturverwaltung des Senats für das Sponsoring zuständig ist. Gute Chancen, private Finanzmittel einzuwerben, haben Kunstaussteller und Musikveranstalter. Schwerer haben es die Theater und vor allem jene Kulturschaffenden, die im Umgang mit Unternehmern ungeübt sind.

„Es ist ein mühsames Geschäft“, sagt Frau Vogel-Scheller. „Aber es gibt viele gute Ideen zu vermarkten.“ So bezahlen jetzt Wohnungsbaugesellschaften Klanginstallationen in Rohbauten; für Künstler aus Mittel- und Osteuropa wird versucht, über Botschaften und Industrie- und Handelskammer Geldgeber zu finden. Auch Kaiser’s und Kamps sind fleißige Sponsoren. Und als das Gripstheater nicht wusste, wie es eine unverhoffte Bilanzlücke schließen sollte, sprang die Kulturstiftung der Deutschen Bank ein. Ansonsten ist die Deutsche Bank eher für die Philharmoniker zuständig und die Gasag greift Jahr für Jahr der Neuköllner Oper, der Hochschule der Künste, dem Literarischen Theater und der Bar jeder Vernunft unter die Arme.

Immer mehr Fördervereine entstehen. So wirbt die Komische Oper mit dem Slogan: „Sie können bei uns die edelste Rolle Ihres Lebens spielen, den Mäzen.“ Auch das Künstlerhaus Bethanien, derzeit von drastischen Kürzungen des Landeszuschusses bedroht, treibt sehr erfolgreich private Mittel für Ausstellungen, Kataloge und Stipendien ein. Bei einem Jahresetat von 580 000 Euro wurden im vergangenen Jahr 350 000 Euro Drittmittel angeworben. Als erste Kultureinrichtung in der Stadt hat das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit Hilfe einer Unternehmensberatung eine hoch professionelle „Einwerbestelle“ (Fundraising) aufgebaut, um für Konzertprojekte und Festivals, Galas, Baumaßnahmen und den Ankauf von Musikinstrumenten an private Mittel zu gelangen.

Der Aufwand lohnt sich und wurde jetzt sogar mit einer Fünf-Millionen-Spende des Versandhausgründers Werner Otto für den Umbau eines Probensaals für das Schauspielhaus belohnt. Die Staatsoper wiederum kann auf den Dienstleister und Kulturunternehmer Peter Dussmann zurückgreifen, der zu den überzeugten Sponsoren in der Hauptstadt zählt. Als Dussmann vor zwei Jahren der Oper 360 000 Mark für ein Bühnenbild spenden wollte, mischte sich die Kulturverwaltung ein, die mit dem Geld lieber die Finanzlöcher der Oper stopfen wollte. Dagegen wehrte sich Dussmann. Mit ihrer Intervention hatte die Verwaltung gegen ein heiliges Prinzip des Sponsorentums verstoßen: Geldgeber und -empfänger handeln selbst aus, wofür die Mittel eingesetzt werden.

Das funktioniert in Berlin durchweg gut. Einer amtlichen Vermittlerrolle bedarf es selten, soweit Berliner Künstler und einheimische Wirtschaftsleute aufeinandertreffen. Wenn das Telefon in der senatseigenen Sponsoringstelle klingelt, sind es meistens auswärtige Unternehmen, die in Berlin eine möglichst attraktive Kulturveranstaltung finanzieren wollen und um Rat fragen. Dafür hat Frau Vogel-Scheller eine lange Liste zur Hand, teilweise auch im Kopf, um beispielsweise dem Bauunternehmer aus Niedersachsen ein passendes Projekt anzubieten. Ihr Credo: „Das Geld liegt beim Mittelstand.“

Die Großunternehmen, sagen Wissenschaftler, werden in Zukunft wohl etwas zurückhaltender sein; ihre Förderetats jedenfalls nicht mehr großzügig aufstocken. Hoffnungsanker der Berliner Künstler könnten – in Zeiten öffentlicher Finanznot – also die zahlreichen mittelständischen Betriebe werden, die ihre Kunstsinnigkeit bisher noch nicht flächendeckend unter Beweis gestellt haben. Das gilt nicht zuletzt für finanzkräftige Anwalts- und Steuerberater-Sozietäten, Immobilienfirmen usw., die neu nach Berlin kommen. Wieviel Geld bisher aus der privaten Wirtschaft in die Berliner Kulturszene geflossen sind, weiß niemand. Beide Seiten lassen sich selten in die Karten gucken. „Die Bedeutung des Sponsorings hat in den letzten Jahren zugenommen“, weiß das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die Spendierfreudigkeit werde in Zukunft aber kaum größer werden, lautet die Prognose in einem neuen Gutachten. 80 Prozent der befragten Kultureinrichtungen erhalten private Unterstützung, aber nur jede Dritte regelmäßig. „Die Sponsoringeinnahmen schwanken stark“ und liegen selbst bei den renommierten, aktiv einwerbenden Institutionen bei höchstens vier Prozent der Gesamteinnahmen. Kein Anlass für den Kultursenator, sich im öffentlichen Fördersessel zurückzulehnen.

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