Berlin : Magier des Krimskrams

Bunte Blinker fürs Auto aus Indien, Plastik-Tischdecken aus Rumänien, afrikanische Körbe aus Telefondraht: Im Laden „o.k.Versand“ in Mitte bekommt man allerlei kuriose Alltagsgegenstände. Lukas Plum kauft sie ein in aller Welt

Thomas Neubacher-Riens

Ausgefallen muss es sein, schräg darf es sein, billig soll es sein. Lukas Plum trägt in seinem „o.k. Versand“ zusammen, was die Welt an skurrilen Alltagsgegenständen hervorbringt. Autofahrer, die das Interieur ihres Windkanalschlittens beleben möchten, finden bei Plum innen beleuchtete Schaltknäufe im Christophorus-Look, orangene Fischblinker und bunte Schmutzfänger fürs Tuning made in India. Liebhaber der sozialistischen Küchenkultur schwärmen von Lebensmittelwaagen aus der Ukraine, gelben Plaste-Eierbechern aus DDR-Produktion oder blassroten Parmesanmühlen aus Bulgarien. Das ist jetzt auch in Berlin erhältlich – in Plums Laden in Mitte.

Seinen ersten Importshop außergewöhnlicher Alltagsgegenstände hat Plum in seiner Heimatstadt Köln eröffnet. Der 39-jährigen Unternehmer zieht die Hände unter die Oberschenkel, wenn er über sein Konzept spricht. „Die Sachen sollen ästhetisch sein und funktionieren. Sie werden in den Herkunftsländern für den täglichen Bedarf produziert.“ Plum hat Kunst studiert, es bis zum Meisterschüler gebracht. Jetzt kauft er ein in aller Welt – am liebsten aber in Osteuropa.

Dort entdeckte der Magier des Krimskrams erstmals ein „Design ohne Design“, das er später in Produkten aus Mexiko, Ghana oder auch Indien wiederfand. Sobald etwas zur „Marke“ wird, verliert ein Artikel für Plum an Wert. Wie die eleganten Körbe aus bunten Telefondrähten im Schaufenster, geflochten in Südafrika. Die steigende Nachfrage in westlichen Ländern führte in den Townships sofort zu einer Drahtmafia und zum Diebstahl von Telefonleitungen. So lernt man beim Shopping gleich etwas über die Folgen der Globalisierung. Mittlerweile hat Lukas Plum ein Netz von lokalen Partnern aufgebaut. Sie besorgen auch diese indischen Gießkannen aus Ghee-Bottichen, die man besser nur im Freien benutzen sollte: „Sie können tropfen, und außerdem rosten sie.“

Einiges in dem Geschäft würde eine TÜV-Prüfung wohl nicht bestehen, etwa die auch von Architekten gern gekauften Stecker aus Bulgarien. Oder dieses Skelett-Radio aus Südafrika mit einem Gehäuse aus Draht. So kann man Recycling auch praktizieren. „Ich mag den Gedanken, lokalen Müll zu reimportieren“, sagt Plum. Zum Beispiel aus Afrika. Dort landen die Kronkorken der Guinnessflaschen zunächst im Rinnstein, werden dann aber zu Aktenkoffern weiterverarbeitet. Ein Tomatendosenkoffer mit Comic-Innenfutter schaffte es in Ministerhand sogar bis in den Elysée-Palast.

Wenn Plum reist, interessiert er sich weniger für Wahrzeichen als für Aschenbecher, Beleuchtung, Tragetaschen. In Bulgarien entdeckte er ausgefallene Klingelknöpfe. Die Kundschaft dankt es ihm. Im Laden kaufen viele Berliner aus kreativen Branchen: Architekten, TV-Scouts oder Mode-Designer, und vor allem junge Leute, die bei „Armani“ und „Alessi“ schon alles gesehen haben und hier billig besorgen, was es sonst nicht gibt. Ein Fotograf entscheidet sich für den Blech-Hubschrauber mit Gummizug, eine junge Blonde in Schlangenlederhose sucht Ausgefallenes für die Küche: „Haben sie noch die Plaste-Tischdecke aus Rumänien?“ Im Lande selbst waren die Schmuckstücke einst weniger beliebt.

Was der Ästhet Plum seinen Kunden beschert, ist das, was viele in der globalisierten Welt vermissen. Wenn alles immer gleicher und perfekter gerät, werden einem tropfende Gießkannen, klemmende Verschlüsse und durchweichende Papiertaschen schon richtig sympathisch.

„o.k. Versand“, Alte Schönhauser Straße 36/37 , Mitte. Öffnungszeiten: montags bis freitags 12 bis 20 Uhr, sonnabends 12 bis 16 Uhr. Informationen über das Sortiment und die Preise findet man auch im Internet unter der Adresse www.okversand.com

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