Berlin : Magisches Blaulicht

Zur EU-Erweiterung illuminiert Gert Hof den Gendarmenmarkt. Das verbraucht so viel Strom wie Magdeburg in einer Woche

Thomas Loy

Nervös und übernächtigt tigert der Lichtkünstler durch sein Großbüro im 23. Stock des Allianz-Hochhauses. Weit unten döst die Spree, aber zum Rausschauen bleibt keine Zeit. Noch 14 Tage bis zum Großereignis EU-Erweiterung. Gert Hof, ein kleiner Mann mit schwarzer Brille, hat von EU-Präsident Romano Prodi den Auftrag erhalten, die historische Stunde zu illuminieren. Wochenlang haben sie über den Partituren gesessen, Hof und seine Leute. 360 Seiten misst allein das Drehbuch für Malta. So ein Lichtspektakel funktioniert wie eine große Oper oder eine Symphonie, sagt Hof. Die Bühne ist der Himmel.

Zuerst war Brüssel im Gespräch, aber die Architektur war Hof zu einengend. Nun wird die große Fusionsfeier auf Malta inszeniert, als Uraufführung der Revolutions-Oper „Ca ira“, während der die gesamte Malteser Burganlage mit bengalischen Feuern und Lichtkaskaden überzogen wird. Hof sitzt im schwarzen Ledersessel und versucht vergeblich, Gesten und Worte zu finden für die optischen Effekte, die er zur Musik komponiert hat. Groß wird es werden, „magisch“ sagt er. Staunen sollen die Leute. Einfach staunen. Wenn sie es nicht schon verlernt haben.

Zweiter Standort für die Fusionsfeier ist Berlin. Kurz vor der Inszenierung auf Malta beginnt auf dem Gendarmenmarkt ein lichtunterstütztes Chorkonzert, an dem sich rund 800 Kinder aus verschiedenen Ländern beteiligen sollen. Gesungen wird die extra für diesen Anlass komponierte „europäische Kinderhymne“. Die Soloparts wird die Soul- und Jazzsängerin Jocelyn B. Smith übernehmen. Als Kulisse wird das Schauspielhaus mit 8000 Neonröhren in einen blau leuchtenden Märchentempel verwandelt. Blau sei die Farbe der Magie, sagt Hof. Und es ist die Farbe Europas.

Was das alles kostet? Hof steht auf, holt sich eine Zigarette und erklärt das „schmale Budget“ als unwürdig, weiter thematisiert zu werden. Das Budget ist eigentlich immer zu schmal für einen Künstler, der gerne Lichtkegel in das Weltall schießt. Für die Events in Berlin und Malta wird innerhalb einer Viertelstunde eine Strommenge verbraucht, mit der die Stadt Magdeburg gut und gerne eine Woche lang ihren Bedarf decken könnte. Hof rechnet anders: Fünf Megawatt sei doch sehr wenig für einen Augenblick des Glücks, an dem Millionen von Fernsehzuschauern teilhaben können.

Das Ereignis wird natürlich in alle Welt übertragen.

Hofs künstlerischer Durchbruch war die Illumination der Berliner Siegessäule zur Jahrtausendwende. Damals warfen ihm einige Intellektuelle vor, mit seinen Lichtsäulen pseudosakrale Nazi-Ästhetik wieder salonfähig zu machen. Hof musste die Inszenierung entschärfen und durfte fortan in Peking, Athen, Budapest und anderswo seine Groß-Scheinwerfer aufbauen. „Der Vorwurf war völlig absurd und wurde später auch nicht mehr erhoben“, sagt Hof.

Wer ihm allerdings Gigantismus und Größenwahn nachsagt, liegt gar nicht so falsch. „Wäre ich nicht wahnsinnig, würde ich das nicht machen.“ Und mit einem Hang „ins Maßlose“ kokettiert sein Ego ebenso gerne. Am Nordpol würde er gerne mal was Großes inszenieren. „Aber das wäre technisch ja gar nicht machbar.“

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