Berlin : Magnete, Millimeter und Medikamente

Neue Techniken könnten Katheter und Stent in der Kardiologie bald ersetzen, sagen Forscher.

Hannes Heine
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Es gibt nur wenige Bereiche, in denen der medizinische Fortschritt so offensichtlich wird, wie die Kardiologie, der Heilkunde des Herzens. Erst kam der Katheter, der lange, dünne Draht, mit dem man verengte Herzgefäße ohne offene Operation weiten konnte. Dann folgte der Stent, ein winziges Gitterröhrchen, das die Adern dauerhaft offen hält. Diese Gefäßstütze wurde weiterentwickelt. Ärzte beschichteten sie mit Medikamenten, die langsam an das Blutgefäß abgegeben werden, damit die Ader nicht wieder zuwuchert.

Nun soll in bestimmten Fällen auf den Stent verzichtet werden können: Erreicht der Herzkatheter die Engstelle, gibt dessen Spitze Medikamente an die Innenwände der Arterien ab. Ein zellwachstumshemmendes Präparat wird mit einem Zusatzmittel kombiniert, das die Medikamentenaufnahme in die Gefäßwand beschleunigt. Ein erneuter Verschluss der Ader soll so schnell und auf Dauer verhindert werden, sagen die Forscher.

Der neue Katheter wurde von Medizinern um Ulrich Speck von der Berliner Universitätsklinik Charité und seinen saarländischen Kollegen Bruno Scheller entwickelt. „Wir haben diese Möglichkeit eigentlich eher zufällig gefunden“, berichtet Speck. Das Verfahren stehe demnächst allen Patienten, auch denen der gesetzlichen Krankenkassen, zur Verfügung.

Die Forscher erwarten durch die neue Technik bessere Heilungsergebnisse, denn Fremdkörper in den Adern – und sei es ein nur Millimeter kleiner Stent – steigern das Risiko für Blutgerinnsel. Doch das ist nicht der einzige Vorteil: „Das Gefäß bleibt so in einem Zustand, der alle Behandlungsoptionen offen lässt“, sagt der Kardiologe. Stents könne man später immer noch einsetzten.

Es gibt aber auch Techniken, die ohne Katheter und Stents auskommen, allerdings vorerst nur zur Diagnose: Bei der Magnetresonanz-Angiografie werden die Gefäße mit Hilfe eines so genannten Tomografen sichtbar gemacht. Dabei wird mit Hilfe magnetischer Schwingungen das Körperinnere gescannt. Die aus den Schwingungskurven errechneten Bilder werden auf einem Monitor gezeigt. Die Ärzte gleiten so virtuell durch den Organismus des Patienten. Zuvor muss jedoch ein Kontrastmittel in eine Armvene gespritzt werden, das wegen seiner speziellen Zusammensetzung magnetische Eigenschaften besitzt. Nun werden mit Hilfe des Magnetfeldes deutlich messbare elektrische Signale ausgelöst. Diese Signale können Ärzte schließlich empfangen und auswerten – und dadurch Engstellen in den Gefäßen aufspüren.

Ein ähnliches aber weiter verbreitetes Verfahren ist die Computertomografie, die mit Röntgenstrahlen arbeitet und deshalb nicht ganz so unbedenklich ist. „Beide Methoden sind aber ohnehin nicht so genau wie ein Katheter“, erklärt Charité-Herzforscher Ulrich Speck.

Noch sieht man von drinnen eben mehr als von draußen.Hannes Heine

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