Mai-Frieden : Das Wundern von Kreuzberg

Isolierte Krawallmacher, klug agierende Polizisten: Wie sich Kreuzberger den neuen Frieden am 1. Mai erklären. Insgesamt erhielten 32 Tatverdächtige einen Haftbefehl.

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Die Revolutionäre 1. Mai-Demo endete in diesem Jahr schnell und schmerzlos.
Die Revolutionäre 1. Mai-Demo endete in diesem Jahr schnell und schmerzlos.Foto: dpa

Die junge Mutter mit ihrer Digitalkamera guckt sich suchend um. Hier an der Ecke Reichenberger / Ohlauer Straße hatte sie an diesem Sonntagmittag auf ein paar schöne Fotomotive vom Nachkriegskreuzberg gehofft. „Ich habe meinen Freunden in England und Amerika erzählt, was hier am 1. Mai immer los ist“, sagt sie und ahnt wohl schon, dass sie in Erklärungsnot geraten könnte. Ein angekokelter Mülleimer, um dessen freigelegte Innereien sich die Spatzen lautstark streiten, ein teilentglastes Bushaltestellenhäuschen und eine höchstens 50 mal 80 Zentimeter große Lücke im Kleinpflaster – mehr Spuren sind nicht geblieben vom Event des Vorabends. Gut, gegenüber hat jemand „Smash Capitalism!“ auf ein Fernwärme-Bauschild von Vattenfall gesprüht. Aber sonst sieht Kreuzberg nach der längsten Nacht des Jahres diesmal nicht verrumpelter aus als sonst, obwohl viele nach der Erfahrung von 2009 Schlimmes befürchtet hatten. Ein Wunder oder einfach der Wandel der Zeit?

Das war der 1. Mai in Berlin
Aufgeheizte Stimmung. Die Traditionsrandale fiel am 1. Mai 2009 besonders heftig aus. Die Justiz reagierte darauf mit demonstrativer Härte.Weitere Bilder anzeigen
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01.05.2010 21:07Aufgeheizte Stimmung. Die Traditionsrandale fiel am 1. Mai 2009 besonders heftig aus. Die Justiz reagierte darauf mit...

Für Letzteres spricht die Erklärung des Mannes, der gerade im „Bonifazius Kauf- und Kaffeehaus“ die Stühle rausstellt: „Früher habe ich auch – na ja, nicht direkt mitgemacht –, aber ich bin hingegangen.“ Jetzt sei er zwar immer noch links, aber schon 36 und damit „irgendwie aus dem Alter raus“. Nach seinem Eindruck hat sich der Vandalismus inzwischen so weit vom politischen Teil der Mai-Demo verabschiedet, dass er wirklich nur noch Hooligans Spaß macht. „Wenn ich die sehe mit ihren T-Shirts, die wirklich nur auf Krawall aus sind – nee, das muss ich nicht haben.“

Der Rentner, der eine Ecke weiter die letzten Stäubchen von seinem blitzblanken Nissan feudelt, hat den kleinen Krawall verpasst, weil er mit seiner Frau in Frankfurt war. Aber nicht auf der Flucht, sondern wegen eines günstigen Pauschalangebots, wie er betont. Ein bisschen Randale hätte er durchaus akzeptiert: „Manchmal ist man ja auch schadenfroh, wenn die Brüder mal bisschen in Bewegung geraten.“ Bitte? „Na, wenn die sonst mal hier sind, steigen sie nicht aus dem Auto aus und verteilen nur Knöllchen, statt sich um den Dreck überall zu kümmern. Beamte eben.“ Er selbst habe übrigens eine Garage und wohne angriffssicher im dritten Stock, berichtet der Mann und beginnt zu grübeln über seine Worte. „Als Polizist wäre man wohl ein bisschen anders eingestellt. Flaschen und Molotowcocktails – das ist schon hart. Ich sag’ mal: Leben und leben lassen.“

Im Rinnstein stehen noch die Pfützen des strategisch optimalen Regenschauers, der am Abend gegen halb elf die erhitzten Gemüter gekühlt und die Gaffer nach Hause getrieben hatte. Cafés zum gemütlichen Public Viewing gibt es in diesem Teil von Kreuzberg kaum, und ohne Publikum macht die Randale offenbar wenig Spaß. Einige der Bier-to-go-Becher aus Plastik haben es nicht bis in die Mülleimer geschafft und liegen am Sonntag noch herum, aber den großen Dreck hat die BSR schon frühmorgens weggefegt. „Es waren trotz des Verbots erstaunlich viele Flaschen dabei, mit denen dann geworfen wurde“, sagt ein älterer Türke, der in einem Hauseingang an der Wiener Straße lehnt. „Das war schlimm.“ Wer geworfen hat? Der Mann hält die Hand auf Brusthöhe. „Kinder, die die Polizisten provozieren wollten.“ Aber die Beamten hätten schnell und gezielt eingegriffen.

Auf den Papierkörben kleben noch die „Berlin’s burning“-Zettel, und über der Oranienstraße weht ein riesiges deutsch- türkisches Transparent, das „Keine Befreiung ohne Revolution“ verkündet. Da die Revolution ausgefallen ist oder von der Polizei unterbunden wurde, wird es nun aufs nächste Jahr umdatiert werden müssen.

Jack aus Texas, der als Tourist hier ist und vor dem Spreewaldbad gerade sein bremsenloses Fixie-Fahrrad abschließt, hat den Revolutionsversuch aus seinem Hostel beobachtet. Die politischen Motive der Demo wolle er nicht bewerten. „It’s not my fight.“ Aber die abendliche Randale habe einfach nicht zum fröhlichen Myfest des Tages gepasst: „Als es losging, musste eine Mutter mit Kind auf dem Fahrrad machen, dass sie wegkommt. So was sollte nicht sein.“ Ansonsten sei Kreuzberg „wie Brooklyn, Chicago oder San Francisco, aber so sicher, dass man auch abends überall rumlaufen kann“. Alles in allem jedenfalls „die perfekte Mischung“ und insofern viel zu schön, um von Steinewerfern kaputt gemacht zu werden.

Myfest 2010
Rund um das Kottbusser Tor, die Oranienstraße und den Mariannenplatz herrscht am Samstagnachmittag Ausgelassenheit.Weitere Bilder anzeigen
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01.05.2010 16:56Rund um das Kottbusser Tor, die Oranienstraße und den Mariannenplatz herrscht am Samstagnachmittag Ausgelassenheit.

Im arabischen Restaurant „Baraka“ am Görlitzer Bahnhof ist der Chef ganz euphorisch: „Die Polizisten haben das sehr ordentlich gemacht. Früher hatte ich manchmal das Gefühl, dass die selbst provozieren wollten. Aber gestern haben sie mit den Leuten auf dem Myfest und den Demonstranten gelacht.“ So hätten die erlebnishungrigen Kids halt mit den Polizisten gequatscht, statt Katz und Maus zu spielen oder die Sparkasse zu demolieren wie in früheren Jahren. „Das war wirklich top“, sagt der Mann, während er durch sein Restaurant humpelt. Er sei gestern auf der Treppe gestürzt, sagt er zur Erklärung. In der Notaufnahme seien mindestens 30 Alkoholgeschädigte vor ihm gewesen; es habe ewig gedauert. Aber davon abgesehen war dieser 1. Mai sein bisher bester.

Insgesamt wurden gegen 32 Tatverdächtige Haftbefehle erlassen, 14 von ihnen wurden in Untersuchungshaft genommen, wie der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Montag sagte. Bei 18 Beschuldigten setzte die Justiz die Haftbefehle gegen Auflagen außer Vollzug.

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