Berlin : Mal ganz oben, mal ganz unten

Zu jedem Thema wurde der Berliner 2005 befragt. Dank der Rankings ist jetzt klar: So lebt der Hauptstädter

Katja Füchsel

Nichts ist ihm geblieben, keine Marotte, kein kleines Geheimnis: Der Berliner ist vollständig erforscht. Die Institute haben sich in diesem Jahr wie nie zuvor auf ihn und seine Stadt gestürzt, haben ihn wieder und wieder befragt, analysiert, verglichen, bewertet. Jetzt ist es jedem Zugereisten möglich, gewissermaßen auf dem zweiten Bildungsweg zum Berufsberliner zu werden. Wollen Sie das Rheinland, Schwaben oder Sachsen hinter sich lassen, fortan leben wie ein Berliner? Kein Problem, die Studien, Rankings, Umfragen 2005 zeigen, wie es geht:

Als echter Berliner stehen Sie künftig um 6.53 Uhr auf. Denn die Berliner gehören zu den Langschläfern der Republik, der Wecker klingelt hier fünf Minuten später als im Bundesdurchschnitt. Nur die Hamburger können länger: Die Hansestädter stehen im Schnitt erst um 7.13 Uhr auf. Die Berliner Nächte verlaufen eher ruhig, denn die hiesigen Einwohner haben den kürzesten Sex: Nach neun Minuten und 36 Sekunden ist der durchschnittliche Liebesakt in der Hauptstadt vorbei – im bundesweiten Vergleich bedeutet das letzter Platz. Die Erfurter belegen den ersten Platz: Dort dauert Sex durchschnittlich 13 Minuten und sechs Sekunden.

Ansonsten fühlt sich ein Berliner im Bett durchaus wohl: Lange war die Stadt Spitzenreiter bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten – erst 2005 hat Berlin die rote Laterne an das Saarland abgegeben. 2004 waren die Bundesbürger 11,2 Tage im Jahr krankgemeldet, die Berliner 13,3 Tage. Im Jahr 2000 hatten sie noch stolze 16 Tage im Bett verbracht. Oder vor dem Computer: Denn auch im Netz sind die Berliner Spitze. Eine Studie belegt, dass 63,5 Prozent online sind, gefolgt von Hamburg mit 60,8 Prozent. Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt, dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern nutzen nur 48 Prozent das Internet.

Sollten Sie als Neu-Berliner doch einmal aus dem Haus gehen, achten Sie darauf, ein wenig ängstlich in die Welt zu blicken. Denn echte Berliner fürchten sich in Bussen und Bahnen. Egal, ob Oslo, Stockholm, Helsinki, Kopenhagen, Wien, Genf, Barcelona und Prag – nirgends haben die Fahrgäste ihr Sicherheitsempfinden so schlecht bewertet wie in Berlin. Nicht vergessen: Jeder zweite Berliner lebt allein. Trotz gleichgebliebener Einwohnerzahl nimmt die Anzahl der privaten Haushalte jährlich um 18 000 zu. Aber der Durchschnitts-Berliner lebt nicht nur allein, sondern ist auch noch extrem überschuldet und seine Zahlungsmoral ist bundesweit das Letzte.

Im Einzelnen: Berlin ist die Großstadt mit den meisten überschuldeten Wohngemeinschaften; 5,89 Prozent aller Haushalte schreiben rote Zahlen. München weist mit 2,72 Prozent die geringste Schuldnerquote auf. Dabei sind die Berliner auch noch die unzuverlässigsten Schuldner. Im „Bonitätsatlas“ erhält die Hauptstadt als einziges Bundesland die Bewertung „hohes Ausfallrisiko“. 2350 Privatpersonen haben in den ersten sechs Monaten Insolvenz angemeldet. Das ist ein Anstieg um 22,4 Prozent.

Vielleicht liegt das ja auch daran, dass der Berliner mit dem Rechnen so seine Schwierigkeiten hat: Beim neuesten Pisa-Vergleich schnitten die Berliner Schüler in Mathematik am schlechtesten ab. Sie schafften nur den 13. Platz – lagen damit aber immerhin noch vor Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Im Problemlösen ist der Berliner hingegen gar nicht so schlecht, und die Berliner Polit-Professoren sind sogar Spitze. Im Uni-Ranking war die beste Hochschule im Bereich Politikwissenschaft erneut die Freie Universität Berlin – gefolgt von den Hochschulen in München, Konstanz, Heidelberg, Freiburg und Mannheim.

Schulden, schlechter Sex, Schläfrigkeit – das ist alles nichts, was den durchschnittlichen Berliner schrecken kann: Die Forscher vom „Depressionsbarometer“ haben jüngst herausgefunden, dass zwar die Thüringer zur Schwarzmalerei neigen, die Berliner die Welt aber ausgesprochen rosig sehen. Auf dem Barometer des Stimmungstiefs erreichten die Hauptstädter mit 28,2 Prozent den niedrigsten Wert. Deutschlandweit.

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