Berlin : Malen nach Zahlen

Nur nicht vertippen: Bingo-Premiere im Spielcasino

Thomas Loy

Das mit dem Bingo-Rufen müssen sie noch üben. Viel zu leise, viel zu verhalten. Die Angst sitzt den Anfängern im Nacken, einen Fehl-Bingo auszurufen und das Gejohle der Profis ertragen zu müssen. Naja, Gregor Bade hat zum Glück alles richtig gemacht bei seinem ersten Live-Bingo im Spielcasino am Potsdamer Platz. Leise, aber schnell ruft er als Erster „Bingo“, dann meldet sich noch ein Zweiter. Ihre Spielscheine werden zur Prüfung an den Tresen gebracht, und zwei Minuten später kommen die jungen Damen mit einem Silbertablett, auf dem 25 Euro liegen, und einem goldenen Stern von Bethlehem als Tischdekoration. Doch, Gregor Bade aus Tempelhof, zurzeit arbeitslos, findet Gefallen an dem Spiel, das er bisher nur aus dem Fernsehen und seinem Urlaub in Spanien kannte und noch nie ausprobiert hatte.

Live-Bingo – hierzulande eine Rarität – besteht in der Regel aus einem Saal mit Anzeigetafel und betagten Zockergrüppchen an Sechsertischen. Dann werden Zahlen von 1 bis 90 gezogen. Die Spieler – alle haben unterschiedliche Scheine mit 15 zufällig angeordneten Zahlenkombinationen – streichen ab, wenn die richtige Zahl kommt. Gewonnen hat, dessen 15 Felder als erste markiert sind.

Beim Auftakt im Spielcasino Potsdamer Platz ist auffallend viel mittelalter Nachwuchs vertreten, etwa die Freizeitgruppe einer öffentlich-rechtlichen Bank. Nähere Auskünfte zur Spielhäufigkeit werden von den Business-Vertretern allerdings verweigert. Peter Boes, Rheinländer, Wahlberliner und Kneipenbesitzer, spricht dagegen ganz offen. Bingo spielt er sonst eher am Fernseher mit dem MDR, wobei er die Zahlen in seinen Computer tippt, der ihm sofort anzeigt, wenn er ein Bingo gemacht hat. Ein wenig enttäuscht ist Peter Boes von den schmalen Spielzettelchen und den Eddingstiften zum Anstreichen. In den USA sei das alles viel größer, so groß, dass man nur noch auf die richtige Zahl tippen muss und schon ist ein dicker Klecks über jeden Zweifel erhaben, welcher Ziffer er zuzuordnen ist. Das Markieren ist wichtig. Ohne Marke kein Bingo. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Die Dame am Mikro läutet das erste Spiel ein und ruft die Zahlen aus. Es wird sofort still, bis auf das Pladdern im luftwirbelgesteuerten Ziehungswürfel. „Zu schnell“, ruft eine weißgelockte, ältere Frau, „Nicht so schnell. Wat war det für ’ne Zahl?“ Dabei hatte Spielleiter und Geschäftsführer Hans Hansen angekündigt, den ersten Tag ruhig angehen zu lassen. Die Bingo-Experten haben den Spielzettel längst visuell gescannt und lassen sich vom Begleiter die Zahlen zuflüstern. Nach sieben Minuten wird das Gehirnjogging abgeblasen.

Bingo!!

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