Malerei : Auf begrenztem Raum

Der Maler Johannes Heisig hat sich an der Mauergedenkstätte zu Bildern über die Teilung inspirieren lassen – zu sehen ab 13. August im Abgeordnetenhaus.

Werner van Bebber
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Johannes Heisig in seinem Neuköllner Atelier. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Auf die Betonmauer mit den Röhren obenauf stößt im rechten Winkel die Metallwand. Johannes Heisig hat das Mauermahnmal an der Bernauer Straße von oben, vom Dach der Gedenkstätte aus, gemalt: graue Mauer, braune Metallwand, viel Grün daneben und dahinter, Bäume unterm Himmel. Pastos sind die Farben, ein wenig abstrakt wirkt die Komposition. Für Johannes Heisig, den deutschen Maler aus der DDR, transportiert der Blick auf die Mauergedenkstätte eine Idee von der DDR – und von West-Berlin. Es ist die Idee vom begrenzten Raum. Die DDR war Raum mit schwer bewachten Grenzen. West-Berlin war ein begrenzter, ummauerter Frei-Raum. Heisig, groß, schlank, steht in seinem Atelier in Neukölln, um ihn herum zwölf, 13 großformatige Bilder. Sie gehören zusammen und handeln von der Mauer und ihrer Wirkung. Vom 13. August an, das ist die aktuelle Planung – sollen sie für ein paar Wochen im Berliner Abgeordnetenhaus zu sehen sein.

Heisig ist auf Umwegen zur Beschäftigung mit der Bernauer Straße gekommen. Bekannt geworden ist er, Jahrgang 1953, als Maler expressiver Figuren und Porträts, nicht unbedingt von Landschaften. Vor einiger Zeit habe ihn eine aus Korea stammende Galeristin angesprochen, die für die Gedenkstätte eine Kunstaktion organisierte. Das war nicht ganz seine Sache, brachte ihn aber dazu, sich die Gedenkstätte anzusehen. Johannes Heisig erläutert, er habe dort, an der Bernauer Straße, verstanden, dass der künstlerische Umgang mit der Mauergedenkstätte für ihn „nicht so einfach abzuhandeln“ sei – und dass er „schon immer um dieses Thema herumgeschlichen“ sei.

Das Thema, das ist die Mauer. Oder eher: ihre mittelbare Wirkung. Wie sie Menschen Grenzen setzte. Wie sie West-Berlin zu einem Großstadtgebilde machte, in dem viele dachten, man lebe nach anderen Regeln als den in Westdeutschland üblichen.

Für den renommierten Künstler und Hochschullehrer war die Mauer durchlässiger als für andere DDR-Bürger. 1979 durfte er als Stipendiat nach Zürich, als die Mauer fiel, hielt er sich in Italien auf.

Heisig hat die Erinnerung an die Mauer auf drei Generationen verteilt. Eine alte Frau in einem Rollstuhl. Sie blickt ernst aus der Leinwand, nicht traurig, melancholisch vielleicht. Es ist Heisigs Mutter, die vor Monaten gestorben ist.

Was er von ihr erzählt, in der Nüchternheit von wenigen biographischen Daten, ist Teilungsgeschichte pur – und auch grausam. 1956, da war Johannes Heisig drei Jahre alt, trennten sich die Eltern. Die Mutter ging nach Frankfurt am Main, verliebte sich in einen anderen Mann, wollte mit ihm nach Kanada auswandern. Und sie wollte Johannes mitnehmen. Die dazu notwendigen Verhandlungen mit dem Vater brachten sie 1961 zurück in die DDR. Sie war da – die Mauer wurde gebaut. Sie musste bleiben. Sie und ihre Liebe aus Frankfurt am Main hätten sich noch ein paar Jahre lang täglich geschrieben, sagt Johannes Heisig.

Daneben ein Bild des Vaters. „Der Alte“, sagt Heisig. Es zeigt den Maler Bernhard Heisig. Jahrgang 1925, ein Künstler aus der DDR, dessen Leben die Geschichte eines ganzen komplizierten Jahrhunderts spiegelt, im Rollstuhl, fast bedrängt von einem Krieger mit Bajonett.

Für Johannes Heisigs Generation steht ein Porträt von Pfarrer Manfred Fischer von der Versöhnungsgemeinde – und das Bild einer Freundin namens Margarete. Die großformatigen Erinnerungsbilder dieser Generation beziehen sich auf die achtziger Jahre. Begrenzte Räume, im Westen wie im Osten.

Eine Punkband, im Zentrum des Bildes der Schlagzeuger mit Irokesenschnitt, die Mauer dahinter. Ein Berliner Altbau-Innenraum, Blick durch das Fenster auf den Hof, Fernsehturm, ein Liebespaar auf dem Bett, für manche Leute verging so ein West-Berliner Nachmittag. Dagegen – genauso in Schwarz-Weiß gehalten – eine Ost-Berliner Intellektuellenwohnung, beleuchtet von der Papier ummantelten Drahtkugel. „Die hatten wir damals alle“, sagt Heisig. Leute, die reden und trinken, bis tief in die Nacht. Man meint, sie zu hören, den Rauch ihrer Zigaretten zu riechen.

Das zweite Gegen-Bild: Leute mit Kerzen, das Ende der DDR kündigt sich an. Ein Gemälde mit Heisigs Sohn und jenes einer jungen Frau, die in der Mauergedenkstätte arbeitete, als Heisig dort malte, stehen für die dritte Generation – für die heute 20-Jährigen, deren Bild von der Mauer, der Grenze, der Teilung, aus den Erzählungen ihrer Eltern entsteht. Zu ihnen gehören einige Landschaftsbilder der Gedenkstätte.

„Ich bin das Auge“, sagt Heisig, um die Sachlichkeit dieser Bilder zu erläutern. Die Mauer aus Beton, die Wand aus Metall, der umgrenzte Raum – Gegensätze zu den Porträtierten und ihren Lebensgeschichten. Heisig sieht darin Ordnung – und „die Tödlichkeit einer Ordnung“.

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