Berlin : Mamarazza: Mit Queen Mum auf Stromsuche

Elisabeth Binder

Eigentlich sollte es nur ein ganz normaler Fototermin für die internationale Presse sein. Aber dann entdeckte der König von Spanien etwas ganz und gar Erstaunliches."Sophia, das musst Du sehen", rief er seiner Frau zu. "Manni ist berufstätig". Für Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn war es der erste Termin, den sie Mitte der 70er Jahre für die "Bunte" wahrnahm.

Dass die Ur-Ur-Ur-Enkelin der österreichischen Kaiserin Maria-Theresia plötzlich berufstätig war, hatte sie zwei Umständen zu danken. Zum einen der Leidenschaft fürs Fotografieren, die sie im Alter von neun Jahren packte und nie wieder losließ. Zum anderen einem Einfall ihrer Freundin Lilli Palmer. Bis zu dem gemeinsamen Urlaub auf Tahiti waren Fotos ihre private Leidenschaft. Aber als sie dort zusammen die Landschaftsaufnahmen betrachteten, befand Lilli: "Manni, die sind so schön, die kann man doch verkaufen." Zurück in Fuschl fragte sie einen befreundeten Fotografen um Rat. "Ein besonders netter Mann war das, wusste immer, wie man die Leute anredet und kannte den ganzen Gotha auswendig". Dieser Freund vermittelte die Bora-Bora-Bilder an "Frau im Spiegel". Ein paar Tage später war Hubert Burda am Telefon, und Manni war endgültig berufstätig.

In ihrem Jagdhaus ruhen die Zeugnisse ihrer Leidenschaft. Etwa 150 000 Fotos, manche noch gar nicht entwickelt, andere säuberlich eingeklebt und beschriftet in 300 Fotoalben, Aufnahmen eines Lebens unter den Hochglanz-Protagonisten der Welt. Irgendwann gab es die Idee, ein Buch zu machen. Aber wie macht man das? Wieder musste ein Freund um Rat gefragt werden. Diesmal rief sie Karl Lagerfeld an: "Beim Steidl musst du das machen", sagte der. Den Titel inspirierte Prinzessin Caroline von Monaco, die mal gesagt hat: "Manni, du bist eine richtige Mamarazza". Über das Buch, das im letzten Jahr erschienen ist, freut sie sich heute noch wie ein Kind. Und über die erste Ausstellung ihrer Bilder, die heute Abend in der Galerie PICTUREshow (Oranienburger Str. 27 in Mitte) eröffnet wird, freut sie sich noch mehr. Berufstätig zu sein, kann einen eben ganz schön stolz machen, auch wenn man am Tag der Vernissage schon 81 wird und zwanzig Enkel und neun Urenkel hat. Darauf würde man allerdings nie kommen. Sie steht auf hochhackigen Schuhen mitten in der Galerie, braunes Kostüm, schmeichelnder hellgrüner Pullover, schöner, ungewöhnlicher Schmuck und redet wie ein Buch.

Genau das hat Jacki Onassis, die damals Lektorin in New York war, übrigens noch ganz kurz vor ihrem Tod gesagt: "Manni, Manni, du musst ein Buch schreiben." Es müsste anfangen mit der Kindheit auf Schloss Glanegg, wo die Vergangenheit groß und die Erziehung streng war. "Wir hatten zwei Dirndl für den Sommer und zwei Lodenröcke für den Winter", erzählt sie. Und wenn die Gouvernante einmal zur Baronin ging, um neue Schuhe für die kleine Manni zu erbitten, dann prüfte die Frau Mama das Loch und sagte: "Nein, das kann noch einmal repariert werden." Auf dem Schloss gab es einen alten Schuster, der für die Familie und die 50 Bediensteten arbeitete und immer gut zu tun hatte. Später setzte es Ohrfeigen, als die Mädchen auf einer Reise zu viel flirteten und nicht auf die Landschaft achteten.

Der Lebensfreude können sie nicht geschadet haben. Dem Zeitungsfotografen drückt sie ihre eigene kleine Kamera in die Hand. Sie will ein Foto davon, wie sie interviewt wird. Zum Interviewen kommt man aber eigentlich nicht. So viele Erinnerungen locken die zum Teil für diese Ausstellung erstmalig entwickelten Bilder hervor, die Galerie-Inhaberin Beate Wedekind und ihre Mitarbeiter mit Hilfe von Zollstöcken aufhängen.

Da ist die junge Maria Callas mit ihren Hündchen. Sie waren damals alle zusammen auf einer Yacht. Es war die Yacht von Onassis, und Manni dachte, wie schön es wäre, wenn sie jetzt singt, es ist doch Vollmond, und die Luft riecht so gut. Aber die Callas wollte nicht. "Meine Hunde können singen", sagte sie geheimnisvoll. Irgendwann holte sie dann aber doch einmal tief Luft und sang ein paar Töne, und die Hunde jaulten, weil die Töne mit solcher Kraft kamen, dass ihnen fast das Trommelfell platzte. Übrigens wäre auch Mannis Trommelfell fast geplatzt. Aber natürlich schwieg sie höflich, als die Callas dann sagte: "Hast du gehört, Manni, wie sie singen können?"

Es war jedoch nicht immer lustig, es gab auch harte Zeiten. Als sie zum ersten Mal in Berlin war, 1942, ganz frisch verheiratet, musste ihr Mann am nächsten Tag in den Krieg ziehen. "Wir wohnten im Adlon", sagt sie. "Mein Mann sprach diesen uralten Kellner an, und sagte, passen Sie auf meine junge Frau auf." Damals bekam sie ihren Mann wieder, ein Foto zeigt ihn strahlend, hoch zu Pferd. Er starb 1962, nachdem er von einem Lastwage überfahren worden war.

Diesen speziellen übersprudelnden Charme hat sie wohl erst in späteren Jahren entwickelt. Als sie 1955 in einem venezianischen Palazzo Emilio Pucci ihre Kamera in die Hand drückte, nahm der eine Frau auf, die älter und ernster wirkt als 35.

Trotzdem wurde auch in den harten Zeiten immer viel gelacht. Ein Bild zeigt die Familie kurz nach dem Krieg bei der Kartoffelernte. Schloss Sayn war in den letzten Kriegstagen zerstört worden. Man baute Blumen und Gemüse an: "Irgendwie mussten wir ja durchkommen." Auch auf Schloss Glanegg gab es viele ungarische und tschechische Verwandte durchzufüttern, und die jungen Frauen durchsuchten die Mülltonnen der einquartierten alliierten Soldaten nach Essbarem. Später lebte sie mit ihrer Familie in Fuschl auf 300 Hektar Land in einem Jagdhaus. Sie zeigt Fotos von Sommergesellschaften. Damals war sie noch nicht berufstätig. "Wissen Sie", sagt sie, "wir hatten ja damit zu tun zu flicken und zu kochen, und die Familie durchzubringen."

"Ich konnte gar nicht anders, ich musste fotografieren." Als ihr Neffe eine dänische Königstochter heiratete, war plötzlich das Blitzlicht leer. Zusammen mit Queen Mum, die selbst eine begeisterte Hobbyfotografin ist, begab sie sich auf die Suche nach einer Lademöglichkeit, und dabei ließen die Frauen durch ein Versehen den ganzen Ballsaal in Finsternis versinken. Ach, sie könnte ewig erzählen.

Wenn sie jemanden fotografierte, ließ sie immer zwei Abzüge machen. Einen fürs Album, einen für die fotografierte Person. "Die Menschen lieben das", sagt sie mit diesem erstaunten Gesichtsausdruck, der der 80-Jährigen etwas Mädchenhaftes verleiht. Und dann breitet sie die Arme aus: "Ich kann es gar nicht glauben, dass ich hier eine Ausstellung habe."

Mitten in der Ausstellung hängt übrigens ein Foto von Juan Carlos, aus jenen Tagen, als er noch lange nicht König war, ein übermütiger junger Mann, der einen Kerzenleuchter auf Mannis Autodach stellt. So waren die Zeiten, mit Beruf und ohne.

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