Berlin : Mamas Liebling

Björn Casapietra singt und schauspielert, seinen Kritikern ist das zu viel

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Von Heidemarie Mazuhn

Das beigefarbene Strickjäckchen und der Pulli aus seidig schimmerndem Garn sind viel zu schlicht, um nicht sauteuer gewesen zu sein. Das Outfit passt zu dem jungenhaften Lächeln in dem offenen Gesicht, über dem das kurzgeschnittene Haar in sorgfältig fixierten Strähnen kleidsam wippt.

Björn Casapietra sieht aus wie der Prototyp von Mamas Liebling. Wenn er nicht gerade zu spät kommt, wie eben jetzt. Nach fünfzehn Minuten Warten ist man gerade geneigt zu gehen – was bildet sich der junge Mann ein – da taucht dieser wie aufs Stichwort in der Hotel-Lounge auf. Sprudelt eine Entschuldigung – das Auto eingeparkt. Setzt sich, sprudelt weiter – vom Benefizkonzert für die Flutopfer am Abend zuvor, bei dem er mit seiner Mutter im Duett sang wie auch in seiner gerade erschienenen zweiten CD „Silent Passion“, in die sein Herzblut eingeflossen ist; vom ZDF-„Sonntagskonzert“, das er ab 15. September moderiert und in dem er auch singt, und von tausend anderen Projekten.

Die Hotelgäste haben ihre Freude – der Strahlemann unterbricht seinen lebhaft gestikulierten Monolog und singt zur Erklärung. Das hat er studiert – an der Hochschule „Hanns Eisler“ und in Mailand. Schauspielen hat er nicht gelernt, trotzdem gibt’s Casapietra ab 2003 zwölfteilig. Als „Georg Ritter ohne Furcht und Tadel“, so der Arbeitstitel der ZDF-Serie, in der er einen Anwalt spielt.

Mörder war er auch, meist aber smarter Liebhaber. Auf den Rollstuhlbehinderten, den er in „Die Gefesselten“ gab, ist er besonders stolz, auch auf sein Sängerdebüt als Alfredo in „La Traviata“ – nicht in der, sondern einer Mailänder Oper. Dass er seinen Jungmännercharme auch für den Absatz von Ferrero-Küsschen und Windeln einsetzte, gibt er zu – die beruflichen Spaziergänge in verschiedene Welten bereiten ihm Spaß. „Ich mache alles waaahnsinnig gern, singen, schauspielen, essen, eben alles, aber alles mit Genuss“. Privat auch mit Romantik – wochenlang hat er seiner Angebeteten die Wohnungstür mit Rosen beklebt, und ellenlange Liebesbriefe schreibt er auch schon mal.

Nur in die Oper geht er nicht so oft – „da werde ich ganz zapplig, will immer gleich mitsingen“ – am liebsten den Rudolfo in „La Boheme“. Ein großer Wunsch. Künstlerisch tanzt er als Sänger und Schauspieler sozusagen zwischen allen Fronten. In die Feuilletons kommt er damit nicht – „hübsche Stimme, gut für Schlager und Unterhaltung, aber nicht für die große Oper“ ist das Urteil auch nach seiner neuen CD „Silent Passion“. Dem selbstbewussten Künstler ist das angeblich „wurscht“. Aber Achtung, Kritiker! Wer es kitschig finden sollte, dass er einige Titel den Opfern von Bombenattentaten widmete, „dem hacke ich den Kopf ab“.

Ansonsten ist er friedlich. Musik mit Herz und Licht will er geben und bescheinigt sich selbst „eine gewisse Musikalität und eine schöne Stimme“. Die bekam er von den Eltern in die Wiege gelegt. Dank seiner gewitzten italienischen Mama stand die vor 32 Jahren in Genua, was Sohn Björn zum „DDR-Bürger mit einer weiteren Staatsbürgerschaft“ machte und im wahren Sinne des Wortes ein grenzenloser Freibrief, sprich Dauer-Reisepass war.

Die Sopranistin Celestina Casapietra hatte bei einem Gastspiel in der DDR ihr Schicksal gefunden – Herbert Kegel, unter anderen 15 Jahre lang gefeierter Generalmusikdirektor der Dresdner Philharmoniker. In einem Haus am See wuchs Björn in Rauchfangwerder „mit wechselnden Haushälterinnen, aber ohne Eltern“ auf. Die waren fast immer auf Gastspielen unterwegs, „als Ersatz fand ich drei beste Freunde.“ Die hat er noch heute, auch das Haus am See gibt es noch - die verehrte Mama lebt dort. Der Vater nicht mehr, 1990 nahm sich Herbert Kegel das Leben, weil ihn die jahrzehntelang geförderte und gehörte modern-klassische Musik nervlich zerrüttet hatte, erklärt der Sohn. Der wuchs verwöhnt auf – außer den Eltern fehlte es an nichts, und wenn ihn die Mutter im Pelzmantel und weißen Mercedes von der Schule abholte, war er auch ein Star.

So wie im Januar bei den Konzerten in Berlin. „A Star is born“ habe man ihn mit Bravos zugerufen, erinnert sich Björn Casapietra und bittet beim Abschied, auf der CD „wenigstens die Lieder 1, 2, 6 und 11 zu hören – aber ganz laut“.

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