Berlin : Man müsste Klavier spielen können

An Berlins öffentlichen Musikschulen gibt es lange Wartelisten, weil die Bezirke immer weniger Geld für die nötigen Lehrkräfte haben

Sven Scherz-Schade

Vor den Fingerübungen, Tonleitern und Etüden kommt die Geduldsprobe. Kinder und Jugendliche, die an den bezirklichen Musikschulen ein Instrument lernen wollen, müssen sich häufig erst einmal in Wartelisten eintragen. „Das ist leider normal geworden“, klagt Udo Krzyzynski, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Berliner Musikschulleiter. „Wir können den gewünschten Unterricht nicht immer sofort anbieten.“ Das Budget vieler Musikschulen ist zu eng bemessen. Melden sich mehr Mädchen und Jungen als erwartet für ein Instrument an, müssen extra Lehrkräfte auf Honorarbasis beschäftigt werden. Die nötigen Gelder dafür muss der Bezirk genehmigen, und oft stehen die Mittel erst im nächsten Haushaltsjahr bereit.

Im Frühjahr hatte Udo Krzyzynski von Kollegen aktuelle Zahlen eingeholt. Danach warteten in Berlin allein auf den Klavierunterricht rund 1200 Kinder und Jugendliche. „Insgesamt waren es im vergangenen Schuljahr 6500 Wartende.“ Udo Krzyzynski leitet die Musikschule Mitte. „Wo es aus musikpädagogischem Gesichtspunkt vertretbar ist, richten wir Gruppenkurse mit etwa einem Dutzend Kindern ein.“ Beim Klavier aber unterrichtet eine Lehrkraft höchstens zwei Schüler gleichzeitig. „Deshalb sind in diesem Fach die Wartelisten besonders lang.“

Gerade für Kinder im Grundschulalter ist die Regelung mit Wartelisten untragbar. Einem Erwachsenen kann man erklären, dass er sich ein Jahr gedulden muss, bis er zum Klavierunterricht darf. Für einen 7- oder 8-Jährigen hingegen sind zwölf Monate eine Ewigkeit. Die Neugierde für das Instrument droht verloren zu gehen. Das Interesse des Kindes wird in diesem Wartejahr vielleicht auf ganz andere Freizeitbeschäftigungen gelenkt.

38 000 Schüler lernen zurzeit an Berlins öffentlichen Musikschulen. Der Unterricht wird staatlich unterstützt. Die eine Hälfte der Kosten zahlt das Land, die andere die Eltern. Obwohl in den vergangenen Jahren die Kaufkraft gesunken ist, ist die Nachfrage nach musikalischer Bildung ungebrochen. „Normalerweise sollten wir uns darüber freuen“, sagt Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats. „Die große Nachfrage ist für die Musikschulen aber häufig ein Problem, weil die Kommunen ihnen immer weniger Geld zuteilen.“

Was der Deutsche Musikrat als bundesweiten Trend beklagt, lässt sich in Berlin mit der Haushaltsnotlage erklären. Um die Ausgaben zu kontrollieren, vergleicht der Senat den Finanzbedarf der Musikschulen der zwölf Bezirke miteinander und errechnet einen Medianbetrag, den er allen Bezirken gleichermaßen zuteilt. Musikschulen, die in der Vergangenheit „zu teuer“ waren, verlieren somit Mittel.

„Weil wir verhältnismäßig wenige feste Mitarbeiter, aber viele Honorarkräfte beschäftigen, sind unsere Kosten extrem niedrig“, erklärt Joachim Gleich, Musikschulleiter in Steglitz-Zehlendorf, „Deshalb bekommt die Leo-Borchardt-Musikschule Steglitz-Zehlendorf ausreichend Gelder zugewiesen. „Wir haben keine Wartelisten.“

Anders in Spandau, wo der Bezirk Ende 2005 auf Drängen des Senats die freien Honorarmittel im Bereich Bildung, Kultur und Sport um zehn Prozent verringerte. „Wir mussten deshalb die Unterrichtszeiten verkürzen“, erklärt Spandaus Musikschulleiterin Mo Dittmann. Lehreinheiten dauern seit April nur noch 50 statt zuvor 60 Minuten. Eine Verschlechterung, gegen die alle Beteiligten protestierten. Um den zahlenden Eltern entgegenzukommen, ließ Spandaus Bildungsstadtrat Gerhard Hanke die Entgelte für den Unterricht senken. Schließlich sollte der Bezirk laut Senat lediglich Ausgaben verringern. Von Mehreinnahmen war nicht die Rede. „Selbst wenn Eltern bereit wären, höhere Beträge zu leisten“, erklärt Hanke die finanzpolitischen Regeln, „darf die Musikschule keine Rücklagen bilden“. An einen Extratopf, aus dem man kurzfristig schöpft, um Wartelisten zu vermeiden, ist also nicht zu denken.

Angespannt ist die Situation im kinderreichen Bezirk Pankow. „Wir haben etwa 2000 Kinder und Jugendliche auf der Warteliste stehen“, sagt Pankows Stadträtin für Kultur und Bildung Almuth Nehring-Venus. Ganz anders sieht es in Lichtenberg aus. An der Schostakowitsch-Musikschule ist man froh über jedwede Anfrage. „Wir haben keine Wartelisten“, sagt Kulturamtsleiterin Ute Tischler, „weil es leider kaum Nachfrage gibt“.

Laut Berliner Schulgesetz muss jeder Bezirk eine Musikschule unterhalten, die den chancengleichen Zugang zu Musikkultur und Unterricht gewährleistet. „Diesem Auftrag werden unsere Musikschulen trotz allem gerecht“, sagt Krzyzynski – und bemüht sich, dem Eindruck vorzubeugen, angesichts der langen Wartelisten seien Anfragen auf Unterricht vergeblich. „Wir bieten insgesamt ausreichend Unterricht zu sozialverträglichen Preisen an.“

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