Berlin : Man sieht sich an der Wahlurne

Der Kopftuchstreit beschäftigt die Europa-Ausgaben der türkischen Zeitungen

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Überall wo Sie sind, ist die Türkei“, versichert derzeit eine Firma für Molkereiprodukte in türkischen Zeitungen. Zu diesem Spruch sieht der Leser Schafskäse-Dosen, die in jedem „Market“ (Supermarkt) in Berlin im Kühlregal stehen. In der Welt der Werbung gehen die Rechnungen manchmal tatsächlich auf. Im sozialen Leben sind die Dinge jedoch oft komplizierter.

Am vergangenen Mittwoch stellte der Hürriyet-„Editor“ in seiner gleichnamigen Kolumne fest, dass das Kopftuchproblem der Türkei (wo es Streit gibt, weil nicht einmal Studentinnen ihre Haare verhüllen dürfen), längst zum europäischen Problem geworden ist. Die Kolumne erscheint nur in der Europa-Beilage der Zeitung und darin veröffentlicht und kommentiert der Autor Ali Gülen in der Regel Rechtsfragen von Lesern aus diesen Breitengraden. Dieses Mal beschäftigte er sich jedoch mit der hauseigenen Anti-Kopftuch-Kampagne, die seit mehr als drei Wochen läuft. Dazu veröffentlichte der Autor einige Meinungen von Lesern, die sich gegen Kopftücher im öffentlichen Dienst aussprechen. „Wissen die deutschen Frauen nicht, welcher Druck auf die Frauen und Mädchen in den Familien ausgeübt wird?“, sollen demnach die meisten in Richtung Marieluise Beck fragen. Die Migrationsbeauftragte der Regierung hatte Unterschriften von prominenten Frauen gegen das Kopftuch-Verbot gesammelt. Der Anlass für die Themenseite des Editors war jedoch der offene Brief der „Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa“ aus Köln an die Bundestagsabgeordneten Lale Akgün (SPD), die die Unterschriften-Kampagne mit losgetreten hatte. Die Hürriyet vermeldete die Worte des Vereins, der nach eigenen Angaben 20000 Mitglieder hat, lediglich. Die liberale Milliyet gab den Tenor wieder: „Wir sehen uns an der Wahlurne wieder.“ Lale Akgün solle gefälligst ihre Ansichten revidieren, sonst werde sie nicht gewählt. Die fromme Türkiye druckte den Brief ab ohne ein einziges Argument der Politikerin zu erwähnen. Die Überschrift: „Appell an den gesunden Menschenverstand.“ Die Türkei ist tatsächlich hier – mitten in Deutschland.

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