Berlin : Manager der Marzahner Musikfabrik

Wie aus dem Musiker André Szatkowski der Chef eines Probenhauses für hunderte Jungbands wurde

Marc Neller

Der Tag, der André Szatkowskis Leben veränderte, liegt gut acht Monate zurück. Szatkowski war mal Schiffsbautischler, dann gut verdienender Lichttechniker und zuletzt arbeitslos. Eigentlich, sagt er, sei er aber immer nur eines gewesen: Musiker, Schlagzeuger. Bis Ende April. Da war er plötzlich Manager.

Szatkowski ist 29 Jahre alt. Er sagt: „Mein Kopf ist ein Ideenkraftwerk. Ich kann gut Leute motivieren“, und Menschen, die ihn schon länger kennen, bestätigen das. Gut für ihn, wenn es stimmt. Denn er soll das Orwo-Haus retten, einen Plattenbau in Marzahn, in dem hunderte Nachwuchsmusiker ihre Proberäume haben. Das Gebäude hat seinen Namen von einer Firma namens „Original Wolfen“, die dort vor der Wende Fotopapier herstellte. Nach der Wende stand es leer, bis ein paar Musiker es in Besitz nahmen. Heute proben dort außer unbekannten Bands ein paar deutsche Popgrößen wie Silbermond oder Jeanette Biedermann.

Noch. Im Juli 2004 kündigte der Vermieter, die Treuhandnachfolgerin TLG Immobilien, die Mietverträge. Wegen Brandschutzmängeln, wie es hieß. Die Bands standen vor dem Aus, denn nirgends in Berlin gibt es Proberäume für eine Monatsmiete von drei bis vier Euro je Quadratmeter. Der Senat schaltete sich ein. Ende April unterschrieben die Musiker einen Kaufvertrag. „Wir sahen keine andere Chance zu bleiben“, sagt Szatkowski. Bis Ende Januar wird die Kaufsumme fällig: 340 000 Euro. Und das Haus muss saniert werden.

Allerdings haben die Musiker kein Geld. Immerhin 130 000 Euro haben sie nach eigenen Angaben inzwischen in das Haus gesteckt. Davon gab der Senat 50 000 Euro für notwendigen Brandschutz, Jeanette Biedermann 10 000 Euro. Weitere 20 000 haben drei der Musiker aus dem Vereinsvorstand beigesteuert – Geld, mit dem sie im Haus ein Tonstudio eröffnen wollten. Den Hauskauf aber müssen die Musiker anders finanzieren. Über einen Kredit. Über Förderungen. Also beschäftigt sich Szatkowski statt mit Triolenfiguren und Soli nun damit, wie er Firmen gewinnen kann, die als Mieter einziehen; wo sich Fördergelder anzapfen und Sponsoren finden lassen. Und wie die immensen Heizkosten des Orwo-Hauses zu senken sind.

Nachdem der Trägerverein, den die Musiker für ihr Haus gegründet haben, den Kaufvertrag in der Tasche hatte, hat der Vorstand entschieden, dass Szatkowski den Manager gibt. Der war einverstanden. Er hatte mit viel Mühe und einigem Geld einen großzügigen und komfortablen Proberaum mit Studio und Sofaecke eingerichtet. Aufgeben? – Niemals, sagte er sich. Also arbeitete er sich in das Vereinsrecht ein, in Brandschutzbestimmungen, in Buchhaltung. Die Zeit dazu hatte er. Seit gut zwei Jahren ist Szatkowski arbeitslos. Inzwischen beschäftigt ihn der Bezirk Marzahn-Hellersdorf als Ein-Euro-Jobber.

Szatkowskis Büro ist ein 20-Quadratmeter-Zimmer, der zu seinem Proberaum gehört. Er sitzt dort mit zwei weiteren Musikern und einer Sekretärin. Sie kümmern sich um die Finanzen und die Buchhaltung. Sie arbeiten ehrenamtlich, wie auch die beiden Bauingenieure. Und dann gibt es noch acht Ein-Euro-Jobber und Praktikanten. Der Verein Orwo-Haus, den die Musiker gegründet haben, hat nun die Mieten auf sechs Euro den Quadratmeter erhöht. „Das ist uns schwer gefallen“, sagt Szatkowski. Denn diejenigen, die das bezahlen, sind oft Freunde, manche noch keine 20, und nicht jeder hat eine Arbeit. Es hat dazu geführt, dass sich der Verein jetzt selbst trägt.

Die Frage, welche Bank den Kredit für den Kauf des Hauses finanziert, lässt André Szatkowski unbeantwortet. Er sagt nur, dass gelernt habe, manchmal besser nichts zu sagen. Wer ihn in den vergangenen Monaten erlebt hat, ahnt, dass ihm das schwer fällt. Als die Orwo-Musiker im Sommer 2004 vor der Niederlassung der TLG protestierten, war Szatkowski der Wortführer. In Verhandlungen mit dem Bezirk oder dem Senat war es ähnlich. Szatkowski war es gewohnt auszusprechen, was er denkt. Jetzt sagt er: „Wir werden eine Bank haben, die uns den gewünschten Kredit gibt.“ Und es ist eine Meinung, die man in der Kulturverwaltung des Senats teilt.

Wie zum Beleg, dass auch nur der Anflug eines Zweifels am Fortbestand des Orwo-Hauses unsinnig sein müsse, holt Szatkowski aus seinem Büro eine Mappe, die voll ist mit Plänen für die vielen Stockwerke. Der Bezirk spendierte den Musikern einen Unternehmensberater. Sie haben gemeinsam ein Nutzungskonzept erarbeitet. Inzwischen verkauft im ersten Stock ein Musikhändler Instrumente und Zubehör. Ein Equipment-Verleiher soll bald einziehen. Zwei Tonstudios, eine Booking-Agentur und ein Webgrafiker sollen folgen. Im Erdgeschoss entstehen drei große Hallen. Für Konzerte, Modenschauen, Dreharbeiten. Und für etablierte Bands will Szatkowski eine Etage reservieren, zu der niemand sonst Zutritt hat. Es gibt Musiker, die ihre Räume im Orwo-Haus aufgegeben haben, weil ihnen das alles nicht alternativ genug ist. „Entweder wir ziehen es professionell auf, oder wir können einpacken“, sagt Szatkowski. Wer einen Proberaum im Orwo-Haus haben will, muss sich in eine lange Warteliste eintragen lassen.

Kann sein, dass all dies letztlich nichts hilft. „Abwarten“, sagt Szatkowski kühl. „Wir werden unterschätzt, das ist ein Vorteil. Auch deshalb haben wir schon einiges bewegt.“ Bezirk, Senat und Prominente wie Udo Lindenberg haben sich für die Musiker eingesetzt, soll das heißen. Und Medien in aller Welt berichten darüber, wie sich junge Musiker mit einem mächtigen Unternehmen anlegen – die Geschichte David gegen Goliath zieht immer. Wie sie endet, hängt auch von Szatkowski ab. Er spielt jetzt sehr viel Schach. Es helfe ihm, sagt er, mehrere Züge vorauszudenken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben