Berlin : „Manche Bezirke meide ich möglichst“

Was ist alltäglicher Rassismus? Moctar Kamara kann darüber vieles erzählen

Katja Görg

„Es gibt Gegenden in Berlin, in denen ich mich nachts nicht alleine auf die Straße traue“, sagt Moctar Kamara ruhig und blickt nachdenklich nach unten. Der 42-Jährige wurde in Westafrika geboren, in welchem Land genau, will er nicht sagen. Seit 1996 wohnt der studierte Philosoph in Berlin – weil er hier seine Frau kennengelernt hat. Früher einmal war er Vorstandsmitglied des Westafrikarats, momentan ist er arbeitslos. In der Stadt hat er seine Heimat gefunden, hier leben seine Freunde, Verwandtschaft, Familie. Aber das Gefühl, richtig dazuzugehören, hat Kamara nach all den Jahren noch immer nicht.

Zu groß sind die Anfeindungen und Beleidigungen, die ihn täglich auf den Straßen Berlins treffen: „Die östlichen Bezirke wie Lichtenberg oder Rudow sind besonders gefährlich, da stehen die Nazis teilweise an den S-Bahnhöfen und provozieren mich“, sagt Kamara, zögert ein wenig und fährt dann leise fort: „Wenn sie in Gruppen unterwegs sind, muss ich äußerlich Ruhe bewahren, aber innendrin, da habe ich wahnsinnige Angst.“

Seit 2006 sitzen die Republikaner und die NPD in fünf Bezirksverordnetenversammlungen: Lichtenberg, Neukölln, Marzahn-Hellersdorf, Pankow und Treptow-Köpenick – dort hat die NPD seit 2000 auch ihre Bundeszentrale. „Tagsüber halte ich mich in diesen Bezirken vielleicht auf, wenn es nicht zu verhindern ist. Aber ab Nachmittag sieht mich da keiner mehr. Am Ende heißt es noch: Er wusste doch, was ihn hier erwartet, selber schuld!“, so Kamara. Der Afrikaner ist groß und sportlich. Aber ein Gefühl von Sicherheit hat er damit noch lange nicht. Öffentliche Verkehrsmittel benutzt er nur in bestimmten Gebieten unbesorgt: am Ku’Damm, in Kreuzberg, Schöneberg oder Wedding. „An anderen Stationen achte ich nachts darauf, dass ich nicht alleine im Wagen sitze - ziemlich frustrierend, aber damit muss ich leben. Das Pflaster ist gefährlich.“

Die Zahl der rechtsextremen Straftaten in Berlin nimmt in erschreckendem Maße zu. 2006 wurden 110 Übergriffe registriert, gegenüber 52 im Vorjahr. Die Statistik überrascht Moctar Kamara wenig. Als er vor Jahren mit seiner deutschen Frau in Pankow spazieren ging, wurde auch er beinahe von Rechtsextremen verprügelt: „Wenn ich heute daran denke, läuft mir immer noch ein Schauer über den Rücken. Die Rassisten sind gemeinsam auf uns losgegangen - da halfen mir meine Fäuste nicht weiter.“ Dann blickt Kamara auf seine Hände und schüttelt resigniert den Kopf.

Die Nazis trugen weder Springerstiefel noch Nietenjacken, hatten normale Turnschuhe an und Haare auf dem Kopf. „Erst als sie uns schief ansahen, wussten wir, mit wem wir es zu tun hatten.“ Die beiden hatten Glück: Couragierte Bürger griffen ein, es blieb bei Beleidigungen. „Wahrscheinlich hätte ich sonst das gleiche abbekommen wie viele meiner Freunde: Prügel und eine gebrochene Nase“. Seit diesem Vorfall sorgt sich Kamaras Frau um ihn, wenn er abends alleine in bestimmten Gebieten unterwegs ist. Die Kinder der beiden sind elf und neun, das jüngste fünf Wochen alt. In die östlichen Gegenden Berlins dürfen sie nicht ohne Begleitung. Kamara hat nicht überall um sie Angst: „Aber sicher werden auch sie ihre Erfahrungen machen.“ Doch Rassismus bedeutet nicht nur, geschlagen zu werden. Welche Statistik zählt all die kleinen Vorfälle von Diskriminierung, die nicht registriert werden? Moctar Kamara spürt sie in allen Bereichen des Lebens. „Es fühlt sich nicht besonders gut an, wenn du in Pankow spazieren gehst, auf einmal neben dir ein Auto hält und der Beifahrer dir Nigger entgegenruft“, so Kamara. Als er neu nach Deutschland kam, lachten ihn junge Menschen beim Einkaufen aus, zeigten mit dem Finger auf ihn und machten schmutzige Gesten.

Seiner Meinung nach sitzen die Klischees aus der Kolonialzeit in den Köpfen vieler Menschen fest: Die Schwarzen, das sind die Wilden, die nur tanzen können und sonst nichts. Die bei sich zuhause an Hunger sterben und darum nach Deutschland kommen. „Die ersten Fragen, die sie einem Dunkelhäutigen hier stellen, lauten: ’Woher kommst du’ und ’wie lange bleibst du?’ Aber das ist noch harmlos.“ Auch im Arbeitsbereich fühlt Kamara sich immer wieder benachteiligt. Das hat er bei der Suche nach einem Praktikumsplatz erlebt. An Absagen wie „wir brauchen niemanden“ oder „wir haben bereits jemand anderen gefunden“ hat sich Kamara bereits gewöhnt.

Wütend wird er, wenn es um die Diskriminierung in der Bürokratie geht: „Auf den Ämtern behandeln mich die Leute, als ob ich dumm wäre und reden extra langsam - dabei spreche ich fließend deutsch“, sagt Kamara zornig und gestikuliert wild mit den Armen. In Diskotheken oder Cafés hat er erlebt, als Dunkelhäutiger nicht bedient zu werden. „Entweder die Kellner ignorieren mich oder ich bekomme es ganz direkt zu hören. Vor einem Jahr zum Beispiel hat eine Kellnerin in einer Disco gesagt: ’Schwarze kommen hier normalerweise nicht rein.“

Die Vorfälle in Mügeln, schockierten Kamara zutiefst. Angst davor, dass Ähnliches in Berlin geschehen könnte, hat der Afrikaner aber nicht. Die Bewohner seien hier couragierter. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl: „Berlin ist schön, keine Frage. Eine vielseitige Stadt, bunt und freundlich. Ich liebe es nach wie vor, hier zu leben. Aber wenn Menschen sich nicht sicher fühlen können, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben, dann läuft etwas ziemlich schief in diesem Land.“ Katja Görg

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