Berlin : Manche Schüler konnten weder lesen noch schreiben

kf

Im ersten Verfahren hatte der Kronzeuge stundenlang über die gekauften Fahrprüfer berichtet. Beim zweiten Prozess sprach die ehemalige Sekretärin der Fahrschule "Baris" im Moabiter Landgericht über ihren Chef. "Demirel hat versucht, alles und jeden mit einer Mischung aus Witz, Schmeichelei, Geld und schließlich Erpressung und Drohung zu kaufen und zu demütigen", ließ die 34-jährige Angeklagte Dilek T. am Donnerstag ihren Anwalt verlesen. Sie selbst sei von dem 38-Jährigen vergewaltigt, bedroht und verraten worden. Die Angeklagte räumte ein, von dem Korruptionsgeflecht gewusst und sich "schuldig gemacht" zu haben.

Der Staatsanwalt wirft der 34-Jährigen vor, als Sekretärin und "rechte Hand" des Fahrschulbesitzers Demirel K. das "Bestechungssystem" zwischen der Fahrschule "Baris" und den gekauften Fahrprüfern verwaltet und organisiert zu haben. Dilek T. soll auf diese Art insgesamt 167 Schülern der Weddinger Fahrschule "Baris" zum Bestehen der theoretischen Führerscheinprüfungen verholfen haben.

Zusammen mit der jungen Frau sitzen zwei ehemalige amtliche Prüfer der Dekra und des Tüv auf der Anklagebank. Nach der Version des Staatsanwalts haben die 50 und 56 Jahre alten Männer, Demirels K.s "Garantieschüler" unabhängig von ihrem Wissen durch die theoretische Prüfung gelotst. Die Angeklagten - sie sitzen seit vergangenem Juli in Untersuchungshaft - sollen in den Jahren 1995 und 1997 von der Fahrschule "Baris" Schmiergeld für jede illegal bestandene Prüfung kassiert haben.

Mit den blühenden Geschäften der Fahrschule ging es nach den Worten der Ex-Sekretärin allerdings Anfang 1996 bergab, als mehrere der gekauften Prüfer abspringen wollten. Dies nahm Demirel K. nicht einfach hin. Nachdem eine Gruppe seiner "Garantieschüler" durch die Prüfung gefallen war, soll Demirel K. den betreffenden Prüfer beispielsweise telefonisch bedroht haben: "Wenn ich den roten Knopf drücke, bist du erledigt. Deine Bombe wird fliegen!"

Vier andere Prüfer der Dekra waren im vergangenen Dezember wegen Bestechlichkeit verurteilt worden. Weil Demirel K. vor Prozessende in die Türkei geflohen war, erhielt er in Abwesenheit drei Jahre Gefängnis. Seit seiner Rückkehr Anfang des Monats sitzt der 38-Jährige in Untersuchungshaft und soll im Mai in dem zweiten Prozess aussagen. Auch Dilek T. kündigte am Donnerstag ihre Kooperation an. Sie will über die Kunden aussagen, "die eine reguläre Prüfung nicht bestanden haben können" - weil sie beispielsweise weder schreiben noch lesen konnten.

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