Berlin : Manfred Burzlaff (Geb. 1932)

Wegen des schlechten Pianisten nimmt er statt zwei vier Schlägel

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Mit Chet Baker stand er auf einer Bühne, Ende der Fünfziger, als der noch sein James-Dean-Gesicht hatte. Er jammte mit Art Farmer, Dexter Gordon, Jim Hall. Lionel Hampton, der Lionel Hampton, nahm Manfred Burzlaffs Schlägel und spielte auf dessen Vibrafon.

Bebop, Hard Bop, die vielschichtigen Harmonie-Schemata, die Improvisation, das rasende Spiel, nervös, großstädtisch. Schneller, rhythmisch freier, als der Swing davor. Schon Glenn Miller war ein Ereignis für die deutschen Ohren, für Manfred Burzlaffs Ohren. Ab Mai ’45 musste niemand mehr Marschmusik aushalten, keine Durchhalteschlager, keinen Wagner-Pomp. Jeder konnte am Radioregler einen amerikanischen Sender einstellen und diese neue Musik, den Jazz, hören, einfach so. Den Jazz, den die Nazis gehasst hatten. Für die Nazis hatte Manfred Burzlaff noch mit zwölf Akkordeon und Klavier auf Truppenbetreuungsabenden spielen müssen.

Jetzt aber der Jazz. Nach Glenn Miller hört er Art van Dam mit dem Vibrafon. Und dann Lionel Hampton. Mit 20, er studiert inzwischen Musik am Konservatorium, steigt er aufs Vibrafon um, ein Schlaginstrument, das der Marimba ähnelt, nur dass die Platten nicht aus Holz, sondern einer harten Metalllegierung bestehen.

„Damals schossen kleinere Besetzungen wie Pilze aus der Erde. Damals entstanden die „Tabu“-Läden, das war so was wie eine Club-Kette, wo Jazz gespielt wurde, von abends um neun bis morgens um fünf. Dort zu spielen, war Sklavenarbeit. Man hatte an einem Abend vielleicht eine halbe Stunde Pause. Über das, was man dabei verdient hat, braucht man nicht sprechen“, so erzählte er in einem Interview.

Die Deutschen sind versessen darauf, mit den Amerikanern zu spielen. Gastiert eine amerikanische Band in Berlin, gehen die Musiker nach dem Konzert in die „Badewanne“, den Club in der Nürnberger Straße, in dem eine Wanne steht, mit Schampus gefüllt, in die Louis Armstrong gestiegen sein soll.

An einem Abend steht ein Typ im Publikum, Jacques Loussier, ein Franzose, der Bach verjazzt. Er engagiert Manfred Burzlaffs Band ohne langes Gerede für einen Pariser Club. Und in Paris sind alle da: Chet Baker, Stan Getz – und Manfred Burzlaff. Er bleibt ein ganzes Jahr. Er will spielen wie Milt Jackson, kopiert ihn, wird dabei immer besser. Eines Tages muss er mit einem ausgemacht schlechten Pianisten spielen, und um den zu ersetzen, nimmt er statt zwei vier Schlägel in die Hände. Danach muss er Milt Jackson nicht mehr nachahmen.

Wie er dasteht, im Anzug, mit Manschettenknöpfen und Einstecktuch, über sein Instrument gebeugt, die Platten anschlägt, die Pedale bedient, spektakulär schnell, in höchstem Maße dynamisch. Ein Meister der Harmonien, der Schichtung der Töne. Auch noch mit 80, schmal jetzt von der Krankheit, vom Krebs, aber immer noch mit derselben fieberhaften Energie. Ein Besessener, mitten in der Nacht ruft er einen Musiker aus seiner Band an und sagt: „Hör mal, ich hab hier was!“ Und dann spielt er’s ihm am Telefon vor. Er ist einer der besten Vibrafonisten Europas, was nicht nur so ein Satz ist, der gesagt wird, weil er nicht mehr lebt.

Es geht nicht nur um den Rausch, um Empfindung, um Spontaneität. Improvisation ist kein haltloses Abschweifen. Manfred Burzlaff ist eher der intellektuelle Typ, der Improvisationskonzepte erdenkt, der experimentiert. Er trifft den Regisseur Hansjürgen Pohland, der nach einer Filmmusik sucht.

Burzlaff: „Ich habe noch nie eine geschrieben.“

Pohland: „Dann wirst du jetzt eine schreiben.“

Für den Kurzfilm „Schatten“ gibt es den Berliner Kunstpreis. Und für Burzlaff weitere Aufträge. Es werden mehr als 40 Filme. Darunter auch solche mit etwas geringerem künstlerischem Anspruch, Aufklärungsstreifen, Reklamespots. Einer allerdings, für das Modehaus Max Knaak, kommt zum Werbefilmfestival in Cannes.

Manfred Burzlaff verdient mit den Filmen ein bisschen dazu, mit den Gagen der Live Gigs kommt man nicht weit. Er spielt oft im „Old Eden Saloon“, einem Jazzladen, von Rolf Eden gegründet, lange vor dessen Ku’damm-Glitzerdisco. Burzlaff jammt Abend für Abend, mit Art Farmer als ständigem Gast, mit Albert Mangelsdorff, mit Pony Pointdexter. Einmal wirft ihm einer LSD ins Glas, ein anderes Mal trägt er Chet Baker auf dem Rücken auf die Bühne, oder ein Typ aus dem Publikum kommt nach vorn, klebt ihm einen Hundertmarkschein an die Stirn und fordert, er solle ein Stück für ihn spielen. Irgendwann macht das „Old Eden“ zu und alle ziehen weiter.

Manfred Burzlaff unterrichtet an der HdK und der Musikschule Neukölln, er baut eine Mallet-Gruppe auf, schreibt Artikel für Fachzeitschriften, arbeitet als Dozent in Stockholm, gründet das Ensemble „Mallets Ahead“, komponiert und spielt und spielt und spielt.

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