Berlin : Manfred Herbert Motel (Geb. 1942)

Ein Dorfchronist mitten in Berlin

Karl Grünberg

Pünktlich um 18 Uhr kommt Oberamtsrat Motel aus dem Büro, grüßt die Familie, stellt die Aktentasche in die Ecke und verschwindet in seinem Arbeitszimmer. Dort beackert er Archiv-Dokumente, forscht in Stammbäumen, zieht Akten aus dem Schrank, oder er rennt in die Scheune und sucht in Koffern nach alten Fotos. Rastlos läuft er auf und ab, hin und her, schlägt die Türen und Schränke auf und zu.

Seine Heimat, sein Dorf und seine böhmischen Vorfahren – das ist es, wofür er brennt. Manfred Motel ist ein Dorfchronist mitten in Berlin. Sein Buch, seine ewige Chronik, ist sein Lebenswerk. Penibel trägt er Ereignisse, Orte und Namen zusammen. Sachlich und nüchtern ist sein Stil, fast bürokratisch, schließlich ist er den ersten Teil des Tages Beamter und zwar „Beamter auf Lebenszeit“, wie er stolz festzustellen pflegt.

Samstags aber, da tritt er aus seinem Arbeitszimmer, nimmt seine Tochter und das Fahrrad und fährt mit ihr auf den Richardplatz, Brötchen holen. Beim Metzger weiter vorne am Karl-Marx-Platz bestellen sie noch Prager Schinken mit Schwarte. Und Mittwochabend packt er seine Trompete ein, seine Frau das Tenorhorn, und zusammen gehen sie die Richardstraße entlang, biegen in die Kirchgasse ein, kommen am dicken Friedrich Wilhelm vorbei, ihr Ziel ist die Kirche, das Haus und das Zentrum der „Herrnhuter Brüdergemeinde“. Die Vorfahren Motels und all der anderen Böhmen hier kamen 1737 als Religionsflüchtlinge aus Tschechien und durften sich vor den Toren von Berlin ansiedeln.

Wie oft sie schon diesen kurzen Weg vom Haus zur Kirche gelaufen sind: 1967 zum Beispiel, sie im Brautkleid und er im Anzug, ein echtes Böhmisches Paar, die beiden, der Pfarrer war glücklich, endlich wieder jemanden traditionell verheiraten zu dürfen. Und wie es sich in einem Dorf gehört, kannten sich Manfred und Beate seit der Kindheit. Sie gingen in dieselbe Gemeinde, sangen im selben Kirchenchor und spielten im Posaunenchor. Verliebt haben sie sich mit 20 auf einer Fahrt nach Schweden. Da erblickte Beate auf einmal den Manfred als einen jungen Mann, der mit seinem feinen Gespür für Ironie die Freunde begeisterte.

So behütet Manfred in seinem böhmischen Dorf mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern auch aufwächst; so spannend es ist, mit den Freunden durch die Gärten zu stromern und den Arbeiterkindern der gegenüberliegenden Mietskaserne Richardsburg bei ihren Keilereien zuzuschauen. Die Gegend drum herum verändert sich. Wo die Kriegsbomben die alten Bauernhäuser, Scheunen, Kirchen zerstörten, werden die Baulücken mit Mietshäusern geschlossen. Stück für Stück löst sich die vertraute Heimat auf.

Manfred meldet sich zur Polizeireserve, trägt die Uniform mit Stolz, steht mit Pistole vor wichtigen Häusern in der Stadt oder überwacht den Verkehr. Die Polizei ist ein Statement gegen die DDR, die gerade ihre Betriebskampfgruppen aufgebaut hat. Manfred sammelt Zeitungsartikel über Verbrechen der Stasi und klebt sie in einen Ordner, den er die „Horrorakte“ nennt. Als Kennedy 1963 ermordet wird, zieht er mit seinem besten Freund vors Schöneberger Rathaus. Hier hatte Kennedy vor wenigen Monaten gesprochen, hier stehen sie nun mit Fackeln und trauern.

Jura studiert er, doch nach drei Semestern muss er abbrechen und Geld verdienen. Er wird Finanzanwärter und liefert den Lohn zu Hause ab. Beamter also, die Dienstjubiläen reihen sich aneinander, bis er nach 40 Jahren in Rente geht.

Selbst die vielen Momente, die er mit seiner Super-Acht-Kamera festgehalten hat, notiert er akkurat auf den Filmrollen. Minute 3 bis 6: Geburtstag Tochter Katja. Minute 12 bis 15: Einschulung Sohn Boris. Minute 25 bis 28: Die Enkelkinder. Dann und wann baut er den Projektor in der Scheune auf, und die Familie erinnert sich zwischen den alten Sensen und Mistgabeln an ihr Leben.

Als seine Heimat in Gefahr gerät, begibt er sich in den Kampf. Anfang der Achtziger will eine Investorengruppe im Böhmischen Dorf klobige Mietshäuser errichten. 1000 Mark pro Quadratmeter bietet sie für die Gärten und Häuser. Manfred, seine Frau, der Pfarrer und andere Gemeindemitglieder entwerfen einen Schlachtplan, gründen einen Förderkreis, verfassen Flugblätter, verschaffen sich Öffentlichkeit. Manfred mit seinen Geschichtskenntnissen soll das Besondere und Erhaltenswerte des Dorfes herausarbeiten. Sie haben Erfolg, das Dorf wird unter Denkmalschutz gestellt, Häuser und Gassen werden restauriert. Sie gründen ein Museum und legen den Comeniusgarten an. Feste, Strohballenrennen, Posaunenchorauftritte, in Rixdorf ist wieder was los. Und es wird schick, im Böhmischen Dorf vorbeizuschauen: von Weizsäcker, Diepgen, Wowereit, Rau, preußische Prinzen und Hohenzollern-Fürsten, alle lassen sich von Manfred Motel durch die Gassen führen. Kein Haus, kein Stein, keine Familie, zu der er nichts weiß. Auch Minister aus Tschechien sind dabei, von dort, wo seine Vorfahren einst herkamen.

Sein Lebenswerk, seine ewige Chronik über das Böhmische Dorf, hat Manfred Motel noch fertigstellen können. Und nun liegt er da, auf dem Böhmischen Gottesacker, im Boden seiner Heimat, als einer unter vielen Motels, die hier in den letzten 280 Jahren ihre Ruhe gefunden haben.

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