Berlin : Manfred Joachim (Geb. 1925)

Gott tauchte nur noch in jüdischen Witzen auf. Von denen kannte er viele.

Katrin Lechler

Die Veranstaltung fällt wegen Erkrankung des Referenten leider aus“, steht auf der Ankündigung eines Zeitzeugengesprächs mit Manfred Joachim im Internet. Er hatte sich auf den Termin gefreut. Er trug Anzug und Hut zu solchen Anlässen. Und er band sich ein Seidentuch um den Hals. Er blühte auf, wenn sich Menschen für sein Leben interessierten, wenn er von den Gesichtern Erstaunen und Bewunderung ablas. Manchmal klangen die Episoden allzu charmant und harmlos, als dass sie wirklich einem Juden in der Nazizeit hätten passieren können: etwa die Geschichte von Gisela, die ein Hitlermedaillon am Hals trug und mit der er hinter einem Fliederbusch „poussierte“. Als Jude mit einer Deutschen zu flirten war lebensgefährlich. Der Mann, der sie erwischte, rief ihnen nur zu: „Werdet ihr wohl die Finger von dem Flieder lassen!“.

Manfred war 16, als er sich den Judenstern von der Jacke riss. Er hatte gerade einen Hitlerjungen vermöbelt und lief ihm hinterher, als er sich dachte: „Dit kann nich jutjeh’n“. Fortan lief er ohne den gelben Stern durch seinen Kiez rund um die Kastanienallee. So erzählte es Manfred Joachim immer wieder, lächelnd. In seinen Erinnerungen war er keck und furchtlos – und keinesfalls ein Opfer. Wie es wirklich war, als Jude die Hitlerzeit in Berlin zu überleben, darüber hat er wahrscheinlich nie gesprochen.

Manfred Joachim war einer der letzten Überlebenden der „Fabrik-Aktion“. 1943 beschlossen die Nazis, Berlin „judenfrei“ zu machen. Der 18-jährige Zwangsarbeiter kam in ein Sammellager in der Synagoge in der Levetzowstraße, von dort in die Rosenstraße. Die Straße ist berühmt geworden: Hier begehrten die nicht-jüdischen Frauen gegen die Trennung von ihren jüdischen Männern und Kindern auf. Sie verlangten die Freilassung der etwa 2000 Verhafteten. Auch Manfred wurde jeden Tag von seiner Mutter mit Lebensmitteln versorgt. Nach einer Woche kam er heraus und wurde zur Deutschen Bahn versetzt. Als „Geltungsjude“ mit jüdischem Vater und christlicher Mutter genoss er einen gewissen Schutz – den er leicht hätte verspielen können. Bruder und Vater wurden im Konzentrationslagern ermordet.

Dass Gott den Holocaust zulassen konnte, hat er ihm nie verziehen. Gott tauchte nur noch in jüdischen Witzen auf. Von denen kannte er viele.

In Manfreds Leben steckten eigentlich mehrere: Das eines wendigen Berufsboxers, eines feschen Bigband-Posaunisten und eines mutigen Südamerika-Emigranten. Seine Boxhandschuhe wurden im Jüdischen Museum Berlin ausgestellt. Alles fiel ihm leicht, und nichts und niemandem weinte er hinterher. Er war mit dem Jazzmusiker Coco Schumann und mit der späteren DDR-Schlagersängerin Sonja Siewert aufgetreten – und hängte von einem zum anderen Tag die Posaune an den Nagel.

In Deutschland begann er ein neues Leben als Verkaufsleiter einer Fabrik. Später gründete er als autodidaktischer Programmierer seine eigene Firma.

Nur einer hat er bis zum Schluss hinterhergeweint: seiner Frau Elfi. Sie liegt seit zwei Jahren nach einem Herzinfarkt im Koma. Alle Versuche, eine neue Lebensgefährtin zu finden, scheiterten. Keine konnte mit seiner fast 20 Jahre jüngeren Elfi mithalten, die stets so elegant aufgetreten war.

In den letzten Monaten schaute Manfred Joachim oft traurig, wenn er die Tür seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Tempelhof öffnete: „Bei mir sieht es aus wie bei der Rebbezin“, sagt er – Rebbezin, die Frau des Rabbiners. Manfreds Leben hatte seine Ordnung verloren, er verbrachte ganze Vormittage mit Aufräumen und suchte immer irgendeine Telefonnummer oder einen Zeitungsartikel, ja sogar der Brief des Mannes, der eine Biographie über ihn schreiben wollte, blieb unauffindbar. Mit 83 hatte Manfred zwar immer noch den elastischen Schritt eines Sportlers, aber sein Herz war bleischwer geworden.

„Adios, wie wir Norddeutschen sagen“, sagte er zum Abschied oft. Katrin Lechler

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