Berlin : Manfred Lattemann (Geb. 1948)

Die Revolution planten die anderen, er war fürs Praktische zuständig

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Als Sabine Manfred kennenlernt, ist er der klassisch-coole Typ. Lederjacke und Motorrad, ein Kreuzberg-Bohemien der Achtziger. Mit so einem hatte sie noch nie zu tun, souverän und bodenständig, alternativ und zuverlässig zugleich. Sabine war als junge Theaterregisseurin nach Berlin gekommen, eher auf der Suche nach Abenteuer als nach dem Bund fürs Leben. „Wir haben uns nicht gesucht und trotzdem gefunden“, sagt sie. Zusammenziehen und zusammenbleiben? Wer wollte denn das damals schon? Doch als Manne zu lange von Freiheit und Ungebundenheit schwafelt, liest ihm ein Freund die Leviten: „Diese Frau legt dir ihr Herz zu Füßen und du zögerst?“ Und so schleppt Manne, kaum dass er sich verliebt hat, schon Sabines Umzugskartons. 1989 zieht sie zu ihm in die Hornstraße.

Was als Hausprojekt begann, ist heute ein normales Wohnhaus mit brav getrennten Wohnungen. Die Prioritäten ändern sich, das Haus bleibt. Hier fiel Manne in den Achtzigern müde ins Bett, wenn er sich den Tag über für die Zitty aufgerieben hatte. Fast zehn Jahre leitete er den Vertrieb des Magazins. Die Texte schrieben die anderen, er war dafür zuständig, dass das Blatt am Kiosk immer oben lag.

Mit 22 war Manfred aus Hessen nach Berlin gezogen, um Maschinenbau zu studieren. Und um beim wilden Leben mitzumischen. Tagsüber saß er in Vorlesungen, abends stand er in der Nulpe hinter der Theke. Bei Manne trafen sich Maler und Musiker – irgendeiner von denen plante immer die Weltrevolution. Manne hingegen war fürs Praktische zuständig. Fürs kalte Bier im Fass und die Schnapsflaschen im Regal. Und wenn einer der Künstlerfreunde wieder knapp bei Kasse war, kümmerte sich Manfred darum, dass auch mal ein paar Bilder verkauft wurden.

Mit dem Ende seiner Nulpe-Zeit war die Party noch lange nicht zu Ende. Gemeinsam mit den Nachbarn baute Manfred in den Keller des Hauses eine Bar. Mit Sauna.

Mit dem Krieg in Europa, in Jugoslawien, gelangte ein neuer Ernst in die Hausgemeinschaft. Sie beschlossen, den Platz sinnvoller zu nutzen und bauten den Keller zur Wohnung für eine bosnische Familie aus. Manfred und Sabine kümmerten sich um medizinische Versorgung und Papiere. Ganz ohne Staat und Bürokratie unterstützte und versorgte die Hausgemeinschaft die Flüchtlinge.

Nach all den Jahrzehnten des Machens und Arbeitens, des Feierns und Funktionierens dann die Erkenntnis, dass die Welt größer ist als Kreuzberg. Sabine und Manfred kaufen ein Haus in der Prignitz, hundert Kilometer nördlich von Berlin. Manfred tritt dem Reit- und Fahrverein bei, wird Vorstandsmitglied, kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit. So wie die Menschen hier im Dorf leben, so ist er aufgewachsen. Als gelernter Spitzendreher freut er sich, endlich wieder mit den Händen zu arbeiten. Über zwei Jahre braucht Manne, um das verfallene Haus wieder aufzubauen. Er arbeitet grundsolide und so akribisch, dass alles etwas länger dauert. Er baut nicht einfach eine Treppe, er gibt jeder Stufe einen Sinn. In die vierte von unten kommt eine Luke für den Pürierstab, in die fünfte ein Fach fürs Brot.

Sabine kann wahnsinnig werden, wenn Manne sich in seinen Basteleien verliert. Doch mit der gleichen Liebe und Akribie gestaltet er ihre Beziehung. Während Sabine schläft, sitzt Manne mit einem Glas Rotwein in der Küche und schreibt Gedichte für sie. Noch nach 20 Jahren wirbt er um sie. Ein Frühstücksbrot und ein Gedicht liegen jeden Morgen auf dem Küchentisch, wenn Sabine, die beim Radio arbeitet, mal wieder Frühschicht hat: „Lob sei Dir, die früh aufsteht / Und freudig hin zur Arbeit geht./ Gut gelaunt und ohne Frust, / man preise Dich, dass Du das tust. / Wie? Ich hätte mich geirrt / Du sei’st müde und verwirrt, / hegtest Wut und schwörest Rache / der Frau, die solche Pläne mache? Ja dann – das kann ich gut verstehn / ich liebe Dich, auf Wiedersehn!“

In einer roten Metalldose liegen die Frühschicht-Gedichte aufeinandergestapelt. Gedichte über Wetter, Rotwein, Essen, Liebe. Sabine holt sie aus dem Regal in dieser Wohnung, in der überall Manne ist, und in der überall Manne fehlt.

An den Wänden Bilder, die Freunde gemalt haben. Fotos von Festen. Im Wohnzimmer ein Bild von Miró, „Der singende Fisch“, mit leichtem Pinselstrich, verspielt und farbenfroh. Weit hat der Fisch das Maul aufgerissen, doch es steigen nur Luftblasen auf. Unter Wasser verhallt das Leben ungehört. Das Bild hing wochenlang über Manfreds Bett im Krankenhaus.

Vor drei Jahren wurde der Zungenkrebs entdeckt. Manfred, der immer alle anderen unterhalten hatte, konnte nicht mehr richtig sprechen. Den geliebten Rotwein konnte er nicht mehr schlucken. Schließlich wurde ihm das Atmen zur Qual.

Zweieinhalb Jahre ertrug er den Kampf und die Amputationen. Als die Befunde mal besser waren, beschwor er Sabine: „Siehst du, ich hab’s dir doch versprochen. Alles wird gut.“ Dass so ein Mann mit 62 Jahren sterben sollte, das konnte sich niemand vorstellen, am wenigsten er selbst. Nadia Pantel

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