Berlin : Manfred Paulenz (Geb. 1928)

Als er 1949 zurückkam ins zerbombte Berlin, war er ein reicher Mann.

Anne Jelena Schulte

Wer Hilfe beim Heimwerken brauchte, oder einfach nur eine Schulter zum Anlehnen, war bei Manfred an der richtigen Adresse. Er war ein starker Mann, körperlich und seelisch, und ließ andere gern davon profitieren. Doch wenn ihm jemand respektlos kam, wurde er böse. Dann begann er seine stillen, zähen Kämpfe auszufechten.

Als er sieben Jahre alt war, starb seine Mutter. Dagegen konnte Manfred nichts ausrichten, wohl aber gegen die Abschiebung zur Tante. Er bekam Fieber, so hoch und anhaltend, dass der Vater, ein U- Bahnfahrer mit drei Söhnen, ihn zurück nach Hause holte. Das Fieber verschwand, und Manfred tobte wieder mit den anderen Jungs durch die Straßen vom Wedding und die Kleingartenanlage von Niederschönhausen.

Der Krieg war ähnlich wie der Tod eine Zumutung von solchem Ausmaß, dass selbst ein Dickkopf wie Manfred sich nicht querzustellen wagte. 16 Jahre war er jung und frisch gelernter Dreher, als er in einen Panzer gesetzt und nach Italien geschickt wurde. Später versuchte er dieser Zeit zu trotzen, indem er nicht über sie sprach. Nur manchmal brummelte er vor sich hin, unwillig und verärgert über die Bilder, die er nie hatte sehen wollen und die er jetzt nicht mehr los wurde.

Während seiner Gefangenschaft hat er es noch einmal mit dem hohen, wochenlangen Fieber probiert, doch diesmal kam kein Vater, um ihn heimzuholen. Stattdessen fand Manfred sich in einem Zeltlager in der ägyptischen Wüste wieder, wo er britische Bomber reparieren und bestücken musste. Zu seiner Überraschung lieferte die Gefangenschaft Bilder, die er, anders als die Kämpfe in Italien, unbedingt festhalten wollte. Er begann zu zeichnen und zu malen: Skorpione, Dünen, Pyramiden. Die Wüste machte sie, je nach Perspektive, alle zu Gefangenen oder zu Freien. Da es sowieso keine Fluchtmöglichkeiten gab, schmolzen die Hierarchien bald dahin. Sein britischer Bewacher teilte mit Manfred Zigaretten und Schokolade, durchschwamm mit ihm den Suez-Kanal, lehrte ihn Englisch. Obwohl sie sich später nie wieder getroffen haben, standen die beiden Männer bis zum Schluss in regem Briefwechsel miteinander.

Als Manfred 1949 zurückkam ins zerbombte Berlin, war er ein reicher Mann, denn er besaß englische Zigaretten. Dieses Gold tauschte er gegen einen Pelzmantel und behängte damit die Schultern von Irmgard. Irmgard war eine junge, hübsche Damenschneiderin, Manfreds liebste Tanzpartnerin und bald seine Frau. Sie bekamen einen Sohn und eine Wohnung in Pankow mit Gartenzugang. Manfred hatte sich zum Stationsvorsteher der Straßenbahn hochgearbeitet. Es war fast perfekt. Nur dass er seine Brüder auf der anderen Seite der Mauer nicht besuchen und darüber nicht einmal anständig schimpfen durfte, störte ihn.

1953 trat er in die SPD ein – in Ost-Berlin. Und diese Mitgliedschaft gedachte er beizubehalten, ein stilles, wirksames Mittel, um die zu reizen, die ihm diktieren wollten, wie er seine Klappe zu bewegen habe. Über die beiden Verhöre, zu denen er in den folgenden Jahren geladen wurde, verlor er kein einziges Wort. Die Angehörigen erfuhren lediglich, dass sie ihn nicht davon abhalten konnten, weiterhin seinen SPD-Genossen die Tür aufzuhalten. Herein spazierten West-Berliner Stadträte und Senatoren, die sich mit wichtigen Mienen auf seinem Sofa niederließen. Manfred bewirtete diese Gäste umso herzlicher, als er zum einfachen Straßenbahnfahrer degradiert wurde. Lernte er eben im Abendschulstudium Baumaschinist und wurde Straßenbau-Brigadier.

Er dachte nie darüber nach, die DDR zu verlassen. Schwerer als der Ärger wogen die Schönheiten seines Lebens, die er liebevoll aufs Papier pinselte: Frau, Kind, Tiere und Pflanzen, die Wartburg.

Dann kam der Tod zurück in Manfreds Leben. Dabei war Irmgard noch keine 60. Er setzte alles daran, dem Krebs so viel Zeit wie möglich abzutrotzen, erkämpfte mit seiner Fürsorge noch ein paar gemeinsame Jahre. Sie starb 1988. Er fand sich nie damit ab. Irmgard blieb die Heldin seines Lebens, einer Königin würdig sollte auch ihr Grabstein sein, den er in mühsamer Kleinarbeit mit Blattgold verzierte. Seinen Lebensabend verbrachte Manfred mit seinem Sohn und dessen Familie. Und solange der Nachwuchs seine Pinsel und Stifte nicht durcheinanderbrachte und seine Meinung achtete, war er der gutmütigste und hilfsbereiteste Vater, Großvater und Urgroßvater. Anne Jelena Schulte

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