Berlin : Manfred Röhrich (Geb. 1926)

Der Perserkönig und der Sauhaufen kamen gut miteinander aus

Felix Lampe

Ein frisches Grab mit einem Kranz. Auf dem Band steht: „maxima turba suum“. „Der größte Sauhaufen“. Manfred Röhrich wäre vermutlich stolz auf die Sprachschöpfung seiner alten Schüler gewesen, die im November zu seiner Beerdigung gekommen sind.

Unvergesslich der erste Eindruck, den ihr neuer Lehrer beim Betreten des Klassenzimmers hinterließ. 50 Jahre ist das jetzt her. Mit großen Schritten kam er herein, baute sich mit den Fäusten in der Hüfte vor der lauten Klasse auf und brüllte: „Was ist denn das für ein Riesensauhaufen!“ Geduckte Köpfe, Stille. Der frischgebackene Latein- und Griechischlehrer hatte die antiken Rhetoren genau studiert und wusste um die Wirkung des richtig platzierten Wortes. Zuerst der Respekt, dann die Sympathie. Bald nannten die Schüler ihren neuen Lieblingslehrer nur noch „Kyros“. Der antike Perserkönig und der Sauhaufen kamen gut miteinander aus.

Bevor Manfred Röhrich seine freundliche Herrschaft am Arndt-Gymnasium in Dahlem antreten konnte, musste er, wie so viele seiner Flakhelfergeneration, nach Kriegsende zunächst das Abitur nachmachen. Und wie geht man dem Interesse für die Antike nach, wenn man kein Griechisch gelernt hatte? Man nimmt neben der Schule Privatunterricht. Und schreibt sich schließlich an der Humboldt-Universität und später an der Freien Universität für Latein und Griechisch ein, um dann endlich, endlich ein Auslandssemester in Italien zu machen und die alten Stätten, die man nur von Bildern und aus Texten kennt, selbst zu sehen. Um ein Haar wäre der Plan gescheitert, sein Professor hatte vergessen, ihn für das Stipendium anzumelden. Doch weil er von dem Studenten so überzeugt war, bezahlte er den Aufenthalt an der Universität in Perugia aus eigener Tasche. Vor allem von seinem Abstecher nach Rom schrieb Manfred Röhrich lange Briefe, beschrieb seiner Freundin, der Buchhändlerin Gerta, den Ausblick vom Hügel Gianicolo, seinem Lieblingsort in Rom.

Während Griechenland nur zwei Pflichtbesuche gewidmet wurden, fuhren die Röhrichs lange Zeit jedes Jahr nach Italien und blickten gemeinsam über die Dächer der ewigen Stadt, wandelten durch die Straßen, bald so vertraut mit Ort und Menschen, dass sie leicht für Einheimische gehalten wurden. Mit seinem südländischen Aussehen ging Manfred Röhrich sowieso als Italiener durch. Dass er auch die neue Sprache perfekt beherrschte, verstand sich von selbst. An bloßen Studienreisen aber waren beide nicht interessiert, immer ging es auch um die Kontakte zu den Menschen. Wenn die Woche Pompeji wieder auf dem Programm stand, hieß das neben den Ruinen auch ihren Wärter wieder zu sehen, mit dem sie sich befreundet hatten.

Vielleicht lag es an der eigenen Anschauung, dem sinnlichen Erleben der römischen Relikte, dass Manfred Röhrich alias Kyros seinen Schülern ein wirkliches Gefühl für die Antike geben konnte, dass er ihnen neben dem mühsamen Erlernen der alten Sprachen einen lebhaften Sinn für die Tiefe der abendländischen Geschichte vermitteln konnte. Sicher lag es an seiner Art: Dem Klischee vom trockenen, gegenwartsfernen Altphilologen entsprach er nicht, seiner Bildung war eine ordentliche Portion Bodenständigkeit beigemischt, seiner lehrermäßigen Strenge ein guter Sinn für Humor.

Betrat man seine Wohnung am Botanischen Garten in Lichterfelde, wurde man nicht von Gipsbüsten von Cäsar und Cicero begrüßt. Natürlich standen da viele Bücher, aber daneben, vom großen Sofa aus, blickten den Besucher unzählige Knopfaugen an. Sein Teddybär, den seine Eltern aus dem zerbombten Haus vor den Flammen gerettet hatten, mochte die Keimzelle für den riesigen Haufen gewesen sein. Sicher ist, dass Gerta eine ähnliche Sammelleidenschaft hegte, so dass über die Jahre ein beindruckender Zoo aus hunderten Stofftieren zusammenkam, jedes mit eigenem Namen.

Hier der lärmende Sauhaufen, dort die stillen Teddys, hier die alten Monumente, dort die lebendige Piazza: Manfred Röhrich wusste das alles zu schätzen.

Vor drei Jahren, die Reisen beschränkten sich mittlerweile auf Erkundungen der Mark Brandenburg, fanden der alte Sauhaufen und der betagte Perserkönig noch einmal zusammen. Das 49-jährige Klassentreffen stand an. Man könne nur kurz kommen, es ginge dem Herrn Lehrer nicht so gut, ließ man aus dem Hause Röhrich verlauten. Dann aber floss der Wein, die Stimmung war ausgezeichnet, und Wolfgang Röhrich redete, schwelgte in Erinnerungen an Klassenfahrten und unterhielt den ganzen Haufen. Der alte Lehrer war der Star des Abends. Als einer der Letzten verließ Kyros den „Alten Krug“.

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