Mangelnde Hygiene, Keimbefall, Betrug : Berliner Kliniken kommen nicht ins Reine

Überlastetes Personal, mangelnde Hygiene, falsche Abrechungen – es krankt im Gesundheitswesen. Die Berliner Patientenbeauftragte sieht den Fehler im System: Der Kostendruck hat Folgen, die allen schaden.

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Sind die Hände sauber? In der Charité wurden Keime auf mehr als 20 getrennt in Brutkästen liegende Frühchen übertragen. Das ist lebensgefährlich für die Babys.
Sind die Hände sauber? In der Charité wurden Keime auf mehr als 20 getrennt in Brutkästen liegende Frühchen übertragen. Das ist...Foto: dapd

Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren ist das DRK-Klinikum Westend in den Fokus staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen geraten. Vordergründig geht es um Abrechnungsbetrug. Laut Staatsanwaltschaft sollen hier extrem kleine Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm behandelt worden sein, wozu die Klinik nicht berechtigt gewesen sei. Denn das dürfen in der Regel nur Frühgeborenenstationen Level 1, die bestimmte Voraussetzungen für die Versorgung dieser sehr empfindlichen Patienten erfüllen. Die DRK-Klinik verfügt nur über ein Level-2-Frühgeborenenzentrum. Um das zu verschleiern, habe man die Kinder als „Level-2-Babys“ abgerechnet. Ob auch Kinder zu Schaden kamen, sollen die Ermittlungen klären.

Allerdings verweisen Experten darauf, dass es durchaus Gründe geben könne, ein extrem frühgeborenes Kind nicht aus einem Level-2- in ein Level-1-Zentrum zu verlegen. Zum Beispiel, weil ein Transport schädlich für es wäre, weil seine Eltern eine Verlegung nicht wünschen oder weil die Kapazitäten der höher eingestuften Frühchenstation ausgelastet sind. Allerdings sollten solche Nichtverlegungen mit einem Perinatalzentrum Level 1 abgestimmt werden. Deshalb müssen nun die Fälle einzeln untersucht werden.

Berliner Klinikalltag - Ein Blick hinter die Kulissen
Viele Abläufe in einer Klinik sind für Patienten und Besucher nicht sichtbar.Weitere Bilder anzeigen
1 von 38Foto: Kitty Kleist-Heinrich
11.10.2012 15:59Viele Abläufe in einer Klinik sind für Patienten und Besucher nicht sichtbar.

Dem DRK-Klinikum wird nicht zum ersten Mal Abrechnungsbetrug vorgeworfen. Bereits im Frühjahr dieses Jahres war gegen Manager des Krankenhauses Anklage erhoben worden, weil Assistenzärzte in den Jahren 2009 und 2010 unberechtigt ambulante Facharztleistungen erbracht haben sollen.

Ähnliches bekommt auch Berlins Patientenbeauftragte Karin Stötzner immer wieder zu hören: „Auf der Rechnung steht, dass mich der Chefarzt behandelt hat, aber der war nicht ein einziges Mal bei mir.“ Das sei sozusagen der Klassiker, sagen die Krankenkassen – oft könne für eine vom Chefarzt durchgeführte Operation mehr abgerechnet werden.

Fast noch öfter berichten Patienten über überfordertes Personal und mangelnde Hygiene. „Zumindest nehmen es viele so wahr, dass der enorme Druck durch knappes Personal dazu führt, dass sich Ärzte und Schwestern nicht genug Zeit zum Beispiel für Desinfektion nehmen. Der Druck ist auch bei Reinigungskräften spürbar“, sagt Karin Stötzner.

Dem Tagesspiegel liegt der Beschwerdebrief einer Frau vor, die Anfang September wegen eines Darminfekts Patientin am Vivantes-Klinikum Friedrichshain war. Wie viele andere wurde sie ab Sonntagmorgen auf die Darmspiegelung am Montag vorbereitet – durch Trinken von bis zu vier Litern einer abführenden Flüssigkeit. „Der Ansturm auf die Toiletten begann am frühen Nachmittag“, berichtete sie. Auf der Station hätten nur wenige Zimmer eigene Toiletten gehabt, daher mussten die Sanitärzellen auf dem Flur, die Toilette und Dusche enthalten, genutzt werden – von Frauen und Männern gemeinsam.

„Im Laufe des Nachmittags wurden die hygienischen Zustände zunehmend katastrophal“ schrieb die Patientin, zumal die Toiletten nur einmal am Tag gereinigt werden. „Meine Fantasie reichte nicht aus, mir solche Zustände in einem Krankenhaus des 21. Jahrhunderts vorzustellen.“

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