Berlin : Mann mit Profil

Ein 70-Jähriger will 22 000 Kilometer auf dem Motorrad zurücklegen – und für Missbrauchsopfer sammeln

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In einem Monat startet Peter Vollmers seine Reise. Wo er sich dann jeweils gerade befindet, sehen Interessierte im Internet auf www.bikershelp-mistreated-kids.de. Foto: David von Becker
In einem Monat startet Peter Vollmers seine Reise. Wo er sich dann jeweils gerade befindet, sehen Interessierte im Internet auf...

Trotz der Grausamkeit des Themas bleibt Peter Vollmers’ Stimme ruhig. Er spricht über missbrauchte und vernachlässigte Kinder, über prügelnde Eltern. Er spricht über Dinge, die meist unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen. Vollmers kennt die Opfer. Seit 30 Jahren nehmen er und seine Frau Cornelia misshandelte Kinder in ihrer Altbauwohnung in Friedenau auf und geben ihnen ein neues Zuhause, sind für sie neue Eltern. Das Bekanntwerden des Missbrauchsskandals an kirchlichen Einrichtungen will Vollmers nutzen und die Peinigung im privaten Bereich an die Öffentlichkeit tragen. In einem Monat, am 19. Juni, startet er eine ungewöhnliche Tour: Mit seinem Enduro-Motorrad will er in 70 Tagen als Erster die 22 000 Kilometer lange Außengrenze der Europäischen Union (EU) abfahren. Und dabei Spenden für misshandelte Kinder sammeln.

Start und Ziel der Rundfahrt ist die Spinnerbrücke, der Treffpunkt für Motorradfreaks. Dann geht es nach Schweden und im Uhrzeigersinn an der EU-Außengrenze entlang. Einige Nicht-EU-Länder will Vollmers, der seit 50 Jahren begeistert fährt, trotzdem ansteuern. Seine Erlebnisse dokumentiert er im Internet unter www.bikershelp-mistreated-kids.de, über Satellit sollen die Besucher sehen können, wo er sich gerade befindet. Online können sie spenden und Mützen, T-Shirts und Aufkleber kaufen. Ein paar Sachen nimmt er mit und verkauft sie unterwegs. Er hofft, dass ihm Motorradfreunde in ganz Europa zur Seite stehen, zwei Motorradverbände sowie einige Sponsoren unterstützen die Aktion. Bei der Ankunft in Berlin soll das gesammelte Geld an europäische Einrichtungen gehen, die sich gegen Kindesmissbrauch engagieren. Wer wie viel bekommt, entscheidet eine Jury.

Unterwegs will Vollmers auf der Luftmatratze oder im Zelt unter freiem Himmel schlafen. In Schweden könnten Bären und Elche das allerdings ungemütlich werden lassen. Begleitet wird er nicht. „Ich fahre gerne allein, ich bin ja sonst die ganze Zeit in sozialen Verbünden“, sagt er. Mitfahrer mag er nur über eine kurze Strecke, und das am besten auch nur gegen eine Spende. In Spanien, Portugal und Hamburg trifft er Freunde, auf Kreta schiebt er einen 30-tägigen Familienurlaub dazwischen. So werden aus den 70 Tagen 100. Unbedingt anfahren will Vollmers Brüssel, um bei den EU-Politikern auf seine Sache aufmerksam zu machen.

Die Idee zur Benefiztour kam Vollmers Ende vergangenen Jahres, als er mit dem Aktivverbund Berlin sprach, einem Verein, der sich für Pflegekinder einsetzt. „Seit der Rente vor fünf Jahren hatte ich endlich mal wieder Zeit für eine längere Tour. Warum also nicht die Reise verbinden mit dem Ziel, auf die Probleme misshandelter Kinder aufmerksam zu machen“, erzählt er. Der Verein war begeistert und übernahm die Organisation.

Vollmers ist kein Schreibtischkämpfer, er kennt die Probleme der Kinder aus dem Alltag. Mit seiner dritten Ehefrau Cornelia, 56, zog er vier Pflegekinder groß, eine mittlerweile erwachsene Frau ließ sich aus Dankbarkeit adoptieren. Das fünfte Kind, ein neunjähriges Mädchen, lebt seit acht Jahren bei ihnen. Vor wenigen Tagen kam eine Siebenjährige zur Kurzzeitpflege zu ihnen, weil die drogensüchtige Mutter in den Entzug musste. „Die Misshandlung von Kindern im familiären Bereich ist viel weiter verbreitet als in Heimen und Kirchen. Und die Dunkelziffer ist riesig“, sagt Vollmers. Er erzählt von den Traumata, die die Kinder erleiden, von der fehlenden Lobby der Pflegeeltern, von sinkenden Fördergeldern.

Dass der Mann 70 ist, ist nur schwer zu glauben. In ihm brodelt es, er ist voller Tatendrang. Auch fünf Jahre nach Renteneintritt geht er noch in Teilen seinem alten Job nach und unterrichtet an zwei Berliner Schulen für Ergotherapie. Wegen des Berufs war Vollmers 1970 auch von Hamburg nach Berlin gekommen, in der Hansestadt gab es die Ausbildung zum Ergotherapeuten nicht. Dort hatte er Anglistik und Geologie auf Lehramt studiert. In Berlin schloss er sich der linken Szene um Rudi Dutschke an. „Das waren wilde Zeiten“, grinst er. Viele Jahre leitete er die Ergotherapieabteilung an der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik und die klinikeigene Berufsfachschule für Ergotherapie und war jahrelang Vorsitzender des Verbandes Deutscher Ergotherapieschulen. Für die Tätigkeit als Pflegepapa sind Studium und Beruf nur von Vorteil.

Heute ist er neben Pflegevater und Biker noch etwas: eine Imagekorrektur für Motorradfahrer. Deren Ruf leidet in Zeiten sich bekriegender Rockerbanden auf Motorrädern, auch wenn es nur wenige Kriminelle sind, die öffentlichkeitswirksam auf schweren Maschinen umherfahren. Obwohl: Öffentlichkeitswirksam herumfahren will Vollmers ab dem 19. Juni auch. Mit dem Spendenbeutel für den guten Zweck. Christoph Spangenberg

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