Berlin : "Mann ohne Eigenschaften": Lesemarathon in der Mittagspause

Stephan Wiehler

In der ehemaligen Staatsbank in der Französischen Straße steht zur Mittagspause Weltliteratur auf dem Menü. Passanten aus Berlin und anderswo, Studenten, Angestellte, ältere Damen und beschlipste Anzugträger, die der Hunger aus den umliegenden Büros vertrieben hat, rücken im großen Kassensaal des alten Geldhauses auf rotbezogenen Stahlrohrstühlen aus der Hinterlassenschaft der versunkenen DDR zusammen. Was ihnen Roland Kretschmer auf dem Podium zu bieten hat, ist alles andere als leichte Kost.

Seit dem 4. Oktober liest der gelernte Rundfunksprecher und Autor den Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" vor. Das Jahrhundertwerk des Schriftstellers Robert Musil gibt es häppchenweise, immer werktags um 13 Uhr trägt Kretschmer in etwa einer Stunde 10 bis 15 Seiten des zweibändigen Mammutwälzers vor, den der österreichische Autor bei seinem Tod 1942 unvollendet hinterließ. Geht es nach Kretschmers Plan voran, will der Vorleser seinem Mittagspublikum das über 1000-seitige Konvolut bis Ende Januar vollständig zu Gehör gebracht haben.

Zum Auftakt seiner Lesung serviert der 32-Jährige einige leicht verdauliche Sätze zur Geschichte um die Hauptfigur Ulrich, dem "Mann ohne Eigenschaften", der am Vorabend des Ersten Weltkrieges seinen Weg durch das kaiserlich-königliche Wien sucht, eine Lebenspartie auf dem brüchigen Boden einer im Sterben liegenden Epoche, der mit ihren überlebten Werten die Orientierung schwindet. Die Zuhörer dürften dankbar für die Einführung sein, viele sind am gestrigen Mittwoch zum ersten Mal gekommen, haben durch Hörensagen oder aus der Zeitung von der Veranstaltung erfahren.

Auch Achim Holzenberger hat zur "Mittagspause", so der Titel des Lesemarathons, den Weg in den Kassensaal aus der Kaiserzeit gefunden. "Den Roman habe ich vor 15 Jahren gelesen", sagt Holzenberger, "damals, nach dem Studium, war ich in einer Phase der Orientierungslosigkeit. Da entsprach das Werk völlig meiner Stimmung". Inzwischen arbeitet der Neuberliner im Auswärtigen Amt. Schon öfter habe er zu Gunsten kultureller Erlabung auf das Mittagessen verzichtet. "Manchmal gehe ich auch ins Museum. Ich nutze die Zeit, um die Stadt kennen zu lernen."

Die Zeit scheint stillzustehen, als Roland Kretschmer seine Lesung beginnt. Von den Marmorwänden im kaiserlichen Kassensaal hallen die Sätze der Kapitel 112 und 113 wider. Die Zuhörer erfahren vom Geldadel des Finanziers Paul Arnheim, den Musil an den Industriellen Walter Rathenau anlehnte und lernen den Antisemiten Hans Sepp kennen, einen jungen Träumer vom pangermanischen Reich, der sich in eine Tochter aus jüdischem Hause verliebt hat. Sepp schwadroniert von einer "Idee, in der sich die Herrlichkeit unserer Heimat im Geiste darstellen lässt" und tönt damit bedrohlich aktuell. Das Echo hallt auch draußen nach.

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