Berlin : Manuel Vazquez Montalban: Post-olympisches Trauma

Sigrid Kneist

Was haben die Berliner 1992 neidisch nach Barcelona geschaut. Dort fanden damals die Olympischen Spiele statt. Die wollte man hier auch so gerne in der Stadt haben. Derartige Träume platzten bekanntermaßen wenig später. Zum Glück ist der olympische Kelch an Berlin vorbeigegangen, hört man Manuel Vazquez Montalban heute von den Veränderungen in seiner Heimatstadt reden. Man kann es auch immer wieder nachlesen, in den Pepe-Carvalho-Krimis, die in der nach-olympischen Phase der katalanischen Hafenstadt entstanden.

In den letzten beiden auf Deutsch erschienenen Romanen ließ Vazquez Montalban den Privatdetektiv die Heimatstadt sogar verlassen, weil er sich so gar nicht mehr in ihr zurechtfindet. Es verschlug ihn, der seine Stadt und vor allem auch ihre Küche so über alles liebt, nach Madrid und Buenos Aires; Pepe Carvalho wird das Post-Olympia-Trauma nicht mehr los. "Quintett in Buenos Aires" heißt denn auch der jetzt im Piper Verlag erschienene Roman, den Vazquez Montalban am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Sicher sei Barcelona noch immer sehr schön und lebendig, aber die Ecken und Kanten seien bei der Stadtentwicklung zu den Olympischen Spielen geschliffen worden, sagt er. Die Stadt wurde steriler. "Es ist, als ob an jedem Tag Hubschrauber Insektizide über die Stadt sprühen, um gegen das Ungeziefer vorzugehen." Manchmal habe er den Eindruck, Barcelona sei da, damit viele Japaner viele schöne Fotos machen können. Dabei gehöre doch zu der Stadt auch die Halbwelt, die Prostitution, die Armut, das Hafenviertel. "Barcelona war immer auch die Stadt des Aufruhrs. Deswegen nannte man sie Rose des Feuers." Das einzige woran man sich noch festhalten könne, sei der F.C. Barcelona, ein Hauptbezugspunkt für die katalanische Identität. Für Vazquez Montalban auch ein Ersatz für jede Religion.

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt...

Der 61-Jährige, der während der Franco-Diktatur im Untergrund tätig war, liebt Barcelona mindestens genauso wie sein Held Pepe Carvalho, und er leidet mindestens ebenso an der Entwicklung. Übrigens, im neuesten, allerdings noch nicht auf Deusch erschienenen Band darf Carvalho wieder in Barcelona tätig werden. Ob wenigstens der sein Trauma überwunden hat?

Neben der Leidenschaft für ihre Heimatstadt teilen Schriftsteller und Hauptfigur eine weitere Passion: das Essen, die Küche Kataloniens. In den Carvalho-Krimis nimmt das Kulinarische eine große Rolle ein. Die Augen des Gourmets Vazquez Montalban, dessen literarisches Kochbuch "Unmoralische Rezepte" jetzt ebenfalls bei Piper erschienen ist, glänzen, als er von den Köchen, den Restaurants erzählt. "Die Entwicklung der katalanischen Küche war die einzige richtige kulturelle Revolution in Spanien seit Beginn der Demokratie", sagt er euphorisch. Es sei eine Mittelschicht entstanden, die erkannt habe, dass die "Verteidigung guter Küche die Verteidigung eines wichtigen kulturellen Gutes bedeutet". Wenigstens in dieser Beziehung hat Olympia keinen Schaden angerichtet.

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