Berlin : Marathon-Mann muss wieder zum Arzt

Gericht ordnet Gesundheitsprüfung für verhandlungsunfähigen Ex-Aubis-Manager Christian Neuling an. Nach seiner Teilnahme am Straßenlauf sitzt er womöglich demnächst wieder im Gerichtssaal

Werner van Bebber

Der Vorgang ist klärungsbedürftig. Christian Neuling, Angeklagter im Aubis-Prozess, ist angeblich so krank, dass er der Verhandlung nicht mehr folgen kann. Er ist aber so fit, dass er mit 63 Jahren beim Berlin-Marathon 2006 mitläuft und in beachtlichen 4:26:39 Stunden das Ziel erreicht hat. Das Gericht, das über die Betrugsvorwürfe gegen Neuling und seinen ebenfalls verhandlungsunfähigen Mitangeklagten Klaus Hermann Wienhold urteilen soll, hat deshalb beschlossen, Neuling abermals gesundheitlich begutachten zu lassen. Das hatte die Anklagevertretung beantragt, nachdem ein aufmerksamer Staatsanwalt Neuling beim Marathon bemerkt hatte.

Neuling soll psychische Probleme haben, die ihn vor einigen Monaten so stark beeinträchtigten, dass er der Verhandlung nicht mehr folgen konnte. Mehr war im Kammergericht nicht über die Gründe seiner Verhandlungsunfähigkeit zu erfahren. Sein Anwalt Wolfgang Ziegler begründete Neulings Teilnahme am Marathon mit ärztlichem Rat. Sein Mandant wolle wieder gesund werden, versicherte Ziegler. Die Ärzte hätten ihm zum Laufen geraten, weil er so sein Selbstvertrauen zurückgewinnen könne.

Das könnte im Aubis-Verfahren gelitten haben. Das Gericht muss nun einen medizinischen Sachverständigen bestellen, der Neulings Gesundheitszustand prüft. Das ist bereits mehrfach geschehen, bevor ihm die Kammer seine Verhandlungsunfähigkeit glaubte. Was sich nun ändern könnte. Fachleute halten es für möglich, sogar für wahrscheinlich, dass dem nächsten Sachverständigen der Widerspruch zwischen Neulings geistig-seelischer Fitness beim Marathon und seinen gesundheitlichen Schwierigkeiten im Gerichtssaal zu denken geben wird.

So sagt ein Psychiater, der als Gutachter tätig ist und nicht namentlich genannt werden will: „Es gibt keine ernstliche seelische Krankheit, die Verhandlungsunfähigkeit konstituiert und zu ihrer Besserung einen Marathonlauf braucht.“ Wer an einer schweren Depression leide und deshalb einer Gerichtsverhandlung nicht folgen könne, sei auch nicht fähig, einen Marathonlauf durchzustehen. Eine schwere Depression bringe auch körperliche Beeinträchtigungen mit sich. Mit anderen Worten: Es fehlt die innere Stärke für die lange Strecke.

Die forensische Sachverständige Sabine Nowara, die in Nordrhein-Westfalen Straftäter begutachtet, sagt zu dem Fall, man müsse den Angeklagten, die Akten und Gutachten kennen, um alles beurteilen zu können. Von Ferne sei über Neulings Leiden nichts zu sagen. Doch wenn jemand an Depressionen leide, gehe damit ein massiver Antriebsverlust einher. „Dass jemand so viel Energie hat, dass es für einen Marathon reicht, verwundert mich.“

In dem vor kurzem wegen der Verhandlungsunfähigkeit der beiden Angeklagten ausgesetzten Verfahren geht es um einen Betrugsvorwurf: Neuling und Wienhold sollen mit einem Manager eines Leipziger Wärmelieferanten durch überhöhte Heizpreise einen Millionenbetrug zu Lasten der Bankgesellschaftstochter Berlin-Hyp organisiert haben.

Neuling und Wienhold hatten als Manager und Partner der Firma Aubis in den neunziger Jahren tausende Plattenbauwohnungen in den ostdeutschen Bundesländern gekauft. Dabei konnten sie auf Millionenkredite der Bankgesellschaft Berlin zurückgreifen. Das war im Zusammenhang mit dem Berliner CDU-Parteispendenskandal bekannt geworden: 2001 kam heraus, dass Neulings Partner Wienhold seinem damaligen CDU-Parteifreund Klaus Landowsky zwei Spenden von je 20 000 Mark übergeben hatte. Landowsky war damals Chef der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus und Bankvorstand. Nicht auszuschließen, dass sich die beiden im Gericht mal begegnen.

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