Berlin : Marburger Bund fordert neue Abrechnungsform

Hintergrund sind die staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen Betrugsverdachts bei Medizinischen Versorgungszentren

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Vor dem Hintergrund der Affären um die Abrechnung ärztlicher Leistungen in „Medizinischen Versorgungszentren“ (MVZ) fordert der Marburger Bund eine Veränderung der Abrechnungsmodalitäten. Denn beim Aufbau Medizinischer Versorgungszentren zur ambulanten Betreuung von Patienten großer Kliniken sei ein „Strukturproblem“ entstanden.

Wie berichtet, war es zu umfangreichen Durchsuchungen und Verhaftungen wegen des mutmaßlichen „banden- und gewerbsmäßigen ärztlichen Abrechnungsbetruges“ im Bereich der DRK-Kliniken gekommen. Auch Helios-Kliniken waren durchsucht worden. Die Ermittlungen im DRK-Komplex sind „weit fortgeschritten“, sagte Justizsprecher Martin Steltner. Die Sprecherin der DRK-Kliniken Tanja Kotlorz sagte: „Nach den uns vorliegenden Informationen ist es möglich, dass die Staatsanwaltschaft gegen die Hauptbeschuldigten Anklage erheben wird.“

„Bei den Abrechnungen in MVZs gibt es ein strukturelles Problem“, meint der Geschäftsführer des Marburger Bundes, Reiner Felsberg. Die Problematik bei der Abrechnung der Arbeit von Assistenzärzten bestehe darin, dass diese ihre Leistungen zwar in den großen Kliniken erbringen dürfen und diese dort auch abgerechnet werden – in den Medizinischen Versorgungszentren sei Letzteres dagegen nicht der Fall. Dabei seien die Versorgungszentren den Kliniken angegliedert, und dieselben Teams, die Patienten auf Krankenstationen betreuen, übernähmen auch deren ambulante Behandlung im MVZ. Dass deren Leistungen in dem einen Fall abgerechnet werden dürften, im anderen Fall aber nicht, sei nicht nachvollziehbar. Deshalb müsse auch die Weiterbildung stationär und ambulant parallel laufen.

„Das ist falsch, auch wenn diese Behauptung immer wieder aufgestellt wird“, sagte Uwe Kraffel, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Assistenzärzte seien Auszubildende, die im MVZ ebenso wie in der Klinik eingesetzt werden dürfen. Sie müssten im MVZ lediglich angemeldet und enger beaufsichtigt werden. Weil der Patient über einen längeren Zeitraum in die Klinik eingewiesen werde, habe der Facharzt meistens Gelegenheiten genug, eventuelle Fehler des Assistenzarztes auszubügeln. Bei einem kurzen Arztbesuch in einem Medizinischen Versorgungszentrum sei dies nicht der Fall.

„Das strukturelle Problem ist der Druck in Medizinischen Versorgungszentren“, sagt Kraffel. Diese würden von Managern unter Renditegesichtspunkten geführt. „In den Missbrauchsfällen ging es deshalb darum, Kosten zu sparen und nicht darum, Patienten durch Assistenzärzte unter Aufsicht von Fachärzten zu behandeln“, sagt Kraffel.

„Körperverletzungsdelikte“ in einer Vielzahl von Fällen lautet auch der Verdacht der Ermittler, weil komplizierte Eingriffe etwa im Bereich der Radiologie von „nicht dafür ausgebildeten Ärzten ohne fachliche Aufsicht“ durchgeführt worden seien. Die scheidende Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hatte erklärt, dass die Struktur der MVZs an den Kliniken Falschabrechnungen begünstigten. Ralf Schönball

„MVZ und Integrative Versorgung“ lautet das Thema einer Podiumsdiskussion an diesem Dienstag um 19 Uhr im Tagungssaal der Ärztekammer, Friedrichstraße 16 in Kreuzberg.

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