Berlin : Marga Behrends (Geb. 1907)

"Sobald ich das Publikum sehe, komme ich mir wie ein junges Mädchen vor"

Candida Splett

Ein Bild von Heinrich Zille aus den zwanziger Jahren: eine sehr junge Frau lehnt an einem Auto in der Friedrichstraße. Um sie herum andere Frauen, Revue-Tänzerinnen und Prostituierte. In ihrer Pause essen sie Kartoffelpuffer und unterhalten sich. Jemand fotografiert die junge Frau, als sie von Zille gemalt wird, und bald ziert sie als Model einer Kosmetikreklame die Litfasssäulen Berlins.

Ihr Vater ist Sittenpolizist, Spitzname „Bulle Emil“; selbstverständlich hätte er Einwände gehabt gegen diesen Tingeltangel. Also nahm sie den Tanzunterricht heimlich. Ebenso heimlich bewarb sie sich im Admiralspalast, dem neu eröffneten Revuetheater, als „Tillergirl“. „Ich hab mich richtig aufgedrängt“, erzählt sie später, und offenbar passte der laute Charme der hübschen Göre ins Konzept. Auch ohne Genehmigung der Eltern wurde sie als Revuetänzerin engagiert.

Erst als ihr Vater sie an der Litfasssäule entdeckt, fliegt alles auf. Zur Strafe muss sie in einer Wäscherei arbeiten. Der Vater kann einfach nicht verstehen, wie seine Tochter tickt: Was immer sie tut, tut sie mit dem sicheren Gespür der Diva für das Rampenlicht. Als sie frisch geplättete Hemden an die noch unbekannte Marlene Dietrich ausliefert, freundet sie sich mit ihr an, schlendert mit ihr über den Ku’damm und erzählt davon ein Leben lang. Keine Frage, dass die Arbeit in der Wäscherei sie nicht am Tanzen und Singen hindert. Der Vater akzeptiert es schließlich und sitzt mit Margas Mutter stolz im Publikum.

Mit 20 bekommt sie ihren Sohn Hans. Dass er unehelich geboren ist, empfindet sie ihr Leben lang als Makel. Obwohl sie seinen Vater sehr geliebt hat. Als Tänzerin kann sie nicht regelmäßig für den Sohn sorgen, das übernehmen ihre Eltern und Gerda, die Schwester. Sie selbst fährt mit ihm in den Urlaub und kämpft ansonsten lautstark, manchmal handgreiflich, für seine Rechte. Generell bereitet es ihr wenig Mühe, passende Anlässe zum Streiten zu finden.

1933 schließt der Admiralspalast. Sie tingelt von Bühne zu Bühne, bis sie 1939 Ludwig heiratet, der ihr das Künstlerdasein verbietet. Sie akzeptiert das, weil sie der festen Überzeugung ist, dass eine Frau ihrem Mann zu folgen hat, auch wenn er im Unrecht ist. Die Diva muss pausieren.

Während die Männer ihrer Familie, auch der sechzehnjährige Hans, in den Weltkrieg ziehen, verbringt Marga die meiste Zeit in Prag. Sie schützt eine Schwangerschaft vor, um der Anstellung in einer Waffenfabrik zu entgehen, und verdient Geld mit der Unterhaltung deutscher Truppen. Aus einem Brief der Mutter erfährt sie das Schreckliche: Ihre Schwester Gerda ist von Russen vergewaltigt worden, der Vater, der ihr zur Hilfe eilte, wurde erschossen, und Gerda nahm sich schließlich das Leben. Vom Krieg wird Marga in den nächsten 65 Jahren kaum mehr sprechen.

Nach Kriegsende lebt sie mit Ludwig zwei Jahre auf Borkum, wo sie den Besatzungssoldaten das Tanzen beibringt. Zurück in Berlin, verdient vor allem Ludwig das Geld. Als später die Rente knapp wird, arbeitet Marga als Toilettenfrau im „i-punkt“-Restaurant des Europa-Centers. Dass über sie geschrieben wird, sie habe die Toilette gepachtet oder sogar das ganze Restaurant, mag schlampiger Recherche geschuldet sein, ebenso gut aber könnte es sein, dass sie selbst den Sachverhalt etwas weiter gen Rampenlicht gerückt hat.

1991 endlich kommt die Diva wieder zum Zuge, nur kurz zunächst, als sie an der Seite von Hildegard Knef eine Komparsenrolle in dem Film „Das Haus am See“ spielt. Wenig später stirbt Ludwig und sie verliert vorübergehend den Lebensmut. Doch dann passiert etwas Ähnliches wie in dem Märchen von der goldenen Gans, nur schöner, weil die Menschen Marga ganz freiwillig folgen: Zuerst lernt sie beim Bäcker Rachelina kennen, die Sängerin, die eine enge Freundin wird und sie einlädt, als Stargast bei ihren Konzerten aufzutreten. Dann trifft sie auf Frank Augustin, den Pianisten, mit dem sie auf kleinen Bühnen Lieder von Marlene Dietrich und Zarah Leander zum Besten gibt. „Sobald ich das Publikum sehe, komme ich mir wie ein junges Mädchen vor.“ Derart verjüngt, entfaltet sie auch als 86-Jährige ihren Divencharme, mit der Folge, dass der Regisseur Thomas Nennstiel sie auf der Straße für die Fernsehserie „Motzki“ entdeckt und ein guter Freund wird. So geht es weiter, bis Marga schließlich eine Familie von dreißig Künstlern um sich schart, die für sie da sind, und mit denen sie ausgehen kann bis morgens um drei.

Im Jahr 2006 tritt sie als letztes Tillergirl bei der Wiedereröffnung des Admiralspalasts, ihrem „Admi“, auf. Sie singt ein selbst gedichtetes Lied: „Frauen haben keine Seele, lasst euch nicht mit ihnen ein, alle Männer sind Kamele und fallen immer wieder rein!“ Candida Splett

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