Berlin : Margarete Bottin (Geb. 1926)

Es ist kein böser Wille. Es ist Alzheimer.

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Da rufen die Nachbarn an: „Frau Buggert, bei Ihrer Mutter brennt’s!“ Sie nichts wie hinauf, schaut in den Rauch, reißt das Fenster auf, reißt das Stromkabel aus der Steckdose, „Mami, wie geht’s dir?“ Die Mutter sitzt im Wohnzimmer und versteht nicht, was der Trubel soll. „Du hast den Wasserkocher auf die Herdplatte gestellt. Alles ist geschmolzen. Alles stinkt. Wollen wir spazieren gehen?“

Drei Jahre später sitzt Cornelia Buggert, eine zarte Frau mit Brille und grauen Haaren, auf der Couch in der Wohnung ihrer Mutter Margarete und sagt: „Gott sei Dank habe ich ihr damals keine Vorwürfe gemacht.“ Sie wusste bereits: Es ist kein böser Wille. Auch keine Schusseligkeit. Es ist Alzheimer.

Schon öfter hat sich ihre Mutter an den Kopf gefasst und Sachen gesagt wie: „Ich glaube, etwas stimmt nicht.“ Später hat sie angefangen, den Kaffee auf die Untertasse zu schütten. „Da hat man anfangs schon mal eingegriffen“, sagt Cornelia Buggert: „Das gehört sich nicht. Guck, was du wieder angerichtet hast!“

Irgendwann versteht sie: In dem Maß, in dem ihre Mutter Dinge verlernt, muss sie selbst dazulernen. Zum Beispiel, dass es nicht schlimm ist, Kaffee auf die Untertasse zu gießen. Auch eine Form von Selbstständigkeit, denkt sie, wenn auch eine eigenwillige.

Eigentlich ist es auch nicht schlimm, zwei Broschen am Pullover zu tragen. Margaretes alte Freundin aber ist entsetzt: „Grete, was machst du bloß? Wie sieht das denn aus?“ Und Margarete, die sich extra hübsch gemacht hatte für den Nachmittag mit ihren Freundinnen, sieht an sich herab, sieht die beiden Broschen und ist verunsichert. Beim Kniffeln nachher spricht sie kein Wort. Schaut mit unruhigen Augen in die Runde. Lacht, wenn alle lachen. Hat Angst, etwas falsch zu machen. Cornelia versteht: Ich muss meine Mutter schützen. Aber wie? Ich muss wissen, was ihr gut tut. Aber wie?

Da misslingt der Kuchen im Ofen. Da verkohlen die Koteletts in der Pfanne.

Zuweilen wacht Margarete um vier Uhr früh auf, stellt sich ans Schlafzimmerfenster und spricht mit sich. „Och ja. Jaja. Ach so, na der.“ Stundenlang, bis Cornelia kommt. Betreuer werden engagiert. Ein Nachbar kümmert sich zwei Tage in der Woche um sie. Als es zu gefährlich wird, sie allein zu lassen, schläft Cornelia auf der Couch ihrer Mutter. Monatelang versucht sie sie zu überreden, in eine Tagesbetreuung für Senioren zu gehen.

„Lass mich hier.“

„Nur ein paar Stunden am Tag.“

„Hier will ich bleiben!“

„Und wenn wir einfach mal hingehen und einen Kaffee dort trinken?“

„Kaffee? Ja, ist gut.“

Im Haus Tannenberg gibt es einen Garten mit Teich, Springbrunnen und großer Terrasse. Ein paar Besucher singen. Margarete horcht, strahlt und singt mit. „Sie wollte gar nicht mehr nach Hause“, erzählt Cornelia. „Sie hat mich überhaupt nicht mehr beachtet. Ich hätte heulen können vor Glück.“ Drei Mal die Woche ist Margarete fortan dort. Sie gehen spazieren, unternehmen eine Kremserfahrt. Manchmal tanzen sie mit den Pflegern Walzer.

Da ruft der Pflegedienst an: „Ihre Mutter ist heute nicht in der Wohnung.“

Cornelia ruft Feuerwehr und Polizei, ruft die Krankenhäuser der Umgebung an, fährt in ein Krankenhaus. „Nein, so jemand haben wir nicht im Computer“, sagt die Frau an der Rezeption. Der Stationsarzt weiß von einer Einlieferung. Cornelia holt die Mutter ab, die an der Rechten ein gelbes Band trägt, auf dem steht: „Unbekannt, weiblich“. Sie lässt das Wohnungsschloss auswechseln, damit die Mutter nicht mehr abhanden kommt.

Cornelia geht einkaufen und sagt: „Ich bin schnell weg.“ Das macht Margarete Angst. Fortan sagt sie: „Ich bin gleich wieder da und bring was Gutes für uns mit.“

Cornelia geht kaum noch aus. In ihrem Garten macht sie nur das Nötigste. Sie geht kaum mehr ins Schwimmbad. Sie prüft Bankauszüge, bezahlt Rechnungen, regelt Mietsachen. Sie besorgt einen Rollstuhl. Sie lässt das Bad umbauen. Sie beantragt Pflegestufe drei. Abgelehnt. Widerspruch. Genehmigt. Sie sagt: „Ich hatte viel mehr Liebe als Kraft.“

Da liegt die Mundharmonika im Klo. Auf der hat Margarete so gern gespielt. Cornelia sucht halb Berlin nach genau der gleichen Mundharmonika ab. Alzheimerkranke können mit Veränderungen nicht gut umgehen. Margarete freut sich über das neue Instrument, aber sie spielt nicht mehr lange. Pusten oder ziehen? „Es ist wie mit Hase und Igel“, sagt Cornelia, „Egal was du tust: Die Krankheit ist immer schon da.“

Aber singen, das kann die Mutter noch. „Die Blümelein, sie schlafen“, „Kein schöner Land“, „Es waren zwei Königskinder“. Cornelia nimmt es auf Tonband auf, denn sie weiß: Irgendwann wird sich meine Mutter nicht mehr an die Lieder erinnern. „Es war wie bei einem Baby, nur umgekehrt: Eltern wissen: Das Kind wird irgendwann anfangen zu sprechen. Ich wusste: Sie wird irgendwann aufhören.“

Da kommt Margarete ins Krankenhaus. Seitdem haben die Lieder keinen Text mehr. Irgendwann auch keine Melodie mehr. La, la, la. „Immerhin, sie hat gesungen“, sagt die Tochter.

Margarete spricht immer weniger, und was sie spricht, ist kaum verständlich. Also finden sie andere Arten, sich mitzuteilen. Was sie sagt, wird unwichtig. Auf den Ton kommt es an: Klingt er selbstsicher? Dann heißt das „Ich fühle mich geborgen.“ Klingt er verärgert? Dann heißt das zum Beispiel: „Du hast mich falsch angefasst.“ Lacht sie? Dann heißt das: „Ich habe mich gerade an etwas Lustiges erinnert“. Woran genau, ist nicht entscheidend. Cornelia freut sich einfach über dieses Lachen. Es zeigt ihr: Alzheimer hat den Kern ihrer Mutter nicht zerstört. Denn beim Lachen ist sie ganz bei sich, das klingt wie früher. „Sie hat ja früher nie grundlos gelacht, aus Gefälligkeit oder so.“ Gründe zum Lachen gibt es genug, und wenn nicht, dann machen sie sich welche: Kramen olle Klamotten aus dem Kleiderschrank, „Hauptsache, es sah unmöglich aus“, und machen eine kleine Modenschau.

Zum Schluss entdecken sie Berührungen: Margarete streicht der Tochter über den Kopf, wenn sie ihr die Schuhe bindet. Sie halten Händchen, nehmen sich in den Arm, lehnen sich aneinander.

Margarete vergisst sich. Ihre Tochter kauft eine blaue Kladde, Papier und Klarsichthüllen. Sie klebt Fotos aufs Papier und schreibt das Leben ihrer Mutter darunter: „Güstebiese an der Oder. Hier bin ich geboren. Am 6. Februar 1926. Hinter dem Haus hatten wir Ziegen und auch ein Schwein. Und Hühner. Die Schule war gleich daneben. Unser Haus lag am Steg. Der Steg ging ganz schön bergauf. Im Winter sind wir mit dem Schlitten runtergefahren.“

„Das ist mein Großvater. Paul Kolbe. Er war ein sehr lieber und gütiger Mensch. Wenn er mir die Haare gekämmt hat, dann hat es überhaupt nicht geziept. Und er hat uns Kindern immer von den getrockneten Birnen gegeben, auch wenn Guste darüber gemeckert hat.“

„Hier unsere Fähre. Die fuhr bis ans andere Ufer. Und wieder zurück. Wir Kinder sind auch mit der Fähre rübergefahren. Zum Strand. Manchmal sind wir auch zurückgeschwommen. Auf der Fähre war Onkel Wilhelm. Der hat uns mal ins Wasser geschmissen. Das war nicht so nett. Seine Frau hieß Tante Agnes.“

Ein paar Klarsichtfolien sind noch leer, Cornelia wollte sie nach und nach füllen mit den Erzählungen ihrer Mutter: Wie es war, mit drei Schwestern, Eltern und Großeltern in einem Haus zu leben; wie sie die Schneiderei erlernte; wie sie Reichsarbeitsdienst leistete, bevor sie nach Berlin vertrieben wurde; wie sich die Großmutter das Leben nahm; wie sie in der Sömmeringstraße zu elft in einem Zimmer wohnten. Wie sie den Glas- und Gebäudereinigermeister Werner kennenlernte. Wie sie mit ihm Faltboot fuhr auf der Spree. Wie es 1951 höchste Zeit war zu heiraten, weil Tochter Cornelia unterwegs war. Wie ihr Vater zur Hochzeit als Überraschung eine Wohnung für die drei organisiert, tapeziert und möbliert hatte, in der sie nur noch Küche und Bad mit einer Leipziger Familie teilen mussten und den Rest für sich allein hatten. Wie sie Kostüme und Kleider nach Fensterauslagen auf dem Ku’damm nähte. Wie sie zwei Kinder großzog und später als Verkäuferin in der Quelle-Spielwarenabteilung arbeitete, auch wenn das ihr Mann nicht gerne sah. Wie sie und ihr Mann reisten: an die Ostsee, nach Tirol, Venedig, Rumänien und Ibiza. Wie ihr Mann 1997 starb und wie sie bald darauf manchmal Sachen vergaß.

Das alles wollte Cornelia noch aufschreiben, doch ihre Mutter interessierte sich nicht mehr dafür. Aber Cornelia erinnert sich genau. Andreas Unger

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