Berlin : Margot Bassow (Geb. 1917)

Die Arbeit an der Promotion gibt sie schweren Herzens auf. Da ist sie 80.

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Man muss Ziele haben im Leben, egal wie alt man ist. Ein Ziel von Margot Bassow war das Abitur. Ihr erster Versuch am Kleist-Lyzeum in Moabit scheiterte an der Mathematik.

45 Jahre später sitzt sie bei der Einschulungsfeier des Abendgymnasiums an der Volkshochschule Charlottenburg. Als der Rektor von den Erwartungen an die Schüler spricht, davon, dass sie auch ja ihre Hausaufgaben machen, sagt hinter ihr einer: „Von wegen, hier gibt’s doch gar keine!“ Empört wendet sich Margot um: „Woher wollen Sie das denn wissen?“ Er schmunzelt, sagt: „Ich bin hier Mathelehrer.“

Ein halbes Jahr hat sie Unterricht bei ihm, später gibt er ihr Nachhilfe, und sie freunden sich an. Sie spielt für seine Kinder den Weihnachtsmann mit Bart und tiefer Stimme. Sogar eine Hose trägt sie. Das würde sie sonst niemals tun.

Nach dreieinhalb Jahren hat sie die allgemeine Hochschulreife erlangt, Note: 1,5. Nun kann sie studieren. An der Uni war sie schon vorher. Nach Jahrzehnten als Chefsekretärin bei der Betonbaufirma Engel & Leonhardt wechselte sie in ein Professoren-Vorzimmer an der TU Berlin, Fachbereich Thermodynamik.

Pensioniert kehrt sie an die TU zurück, jetzt als Studentin der Literatur und der Geschichte. Grund zur Eile gibt es nicht, so legt sie nach 36 Semestern ihre letzte Prüfung ab. Sie ist jetzt Magistra Artium, auf die weibliche Form legt sie Wert.

In ihrer Abschlussarbeit ging es um die Geschichte des Roten Kreuzes. Während des Zweiten Weltkriegs war sie dort selber Krankenschwester.

Die Nazizeit hinterließ tiefe Narben auf ihrer Seele. Denn von Zeit zu Zeit durchlebte sie manisch-depressive Episoden, deshalb war sie schon in den dreißiger Jahren in der Klinik. Später, als sie weiß, in welcher Gefahr sie geschwebt hatte, peinigen sie große Ängste.

Eine eigene Familie hat Margot Bassow nicht. Ihren Schwestern, die viel älter als sie sind und ebenfalls unverheiratet bleiben, ist sie nah. Eine von ihnen stirbt im Jahr 2005 mit hundert Jahren. Margot schafft sich kleine Ersatzfamilien. Sie lädt Freunde ins Theater und in die Philharmonie ein, als Dank dafür, dass sich diese um sie kümmern. Und sie will ihnen natürlich die Kultur nahebringen. Ob sie die Musik mögen, ist zweitrangig. Und wenn ihr ein Stück missfällt, brechen alle in der Pause auf.

Bücher kauft sie im Zehnerpack, um sie verschenken zu können, Klassiker wie aktuelle Beststeller. Das ist ihr privater Bildungsauftrag. Verlässt sie ein Krankenhaus, bekommen selbst die Küchenkräfte zum Abschied ein Buch überreicht.

Sie hat ein Patenkind in Indien, sie fördert die Tochter einer Kollegin, ihr „Wunschkind“. Sie ist heute Ärztin. Und Güli, Tochter ihrer türkischen Haushaltshilfe, schleust sie mit beständiger Unterstützung durchs Abitur.

Für sich selbst sorgt Margot vor, sie ist sehr sparsam. Sie rechnet aus, ob Busfahren teurer ist als eine halbe Stunde laufen, da man dann ja die Schuhe regelmäßig neu besohlen lassen müsste.

Mit 79 Jahren zieht sie von ihrer Ein- in eine Zweizimmerwohnung in Siemensstadt, um endlich ein extra Schlafzimmer zu haben. Die Möbel dafür entwirft sie selbst im nüchternen Bauhaus-Stil. Auch für ihren Schmuck fertigt sie eigene Entwürfe an.

Sie frischt Sprachkenntnisse auf, meldet sich für einen Türkischkurs an. Vor ein paar Jahren leistet sie sich die Brockhaus Enzyklopädie. Einen Fernseher schafft sie sich an, da ist sie über 80.

Bis zu einer Lungenfibrose raucht sie. Für jede Zigarette benutzt sie einen neuen Aschenbecher.

Ihr Gedächtnis ist phänomenal. Und sie hat einen Hang zur Akribie. Isst sie etwas, das ihr schmeckt, kocht sie es so oft nach, bis es ihrer Erinnerung entspricht. 20 Versuche braucht sie, um herauszufinden, dass zum gebackenen Camembert eine Prise Zimt gehört.

Großen Wert legt sie auf Titel. Sie beginnt die Arbeit an einer Promotion und muss sie schweren Herzens aufgeben. Da ist sie 80. Um stets vom Chefarzt, wenn möglich einem Professor, behandelt zu werden, schließt sie eine Extraversicherung ab. Als sie nach einem Schlaganfall in die Geriatrie kommt, wird das schwierig. Dort gibt es keinen Professor. Ihr zuliebe befördert sich die Oberärztin spontan selbst.

Nie käme Margot Bassow auf die Idee zu jammern. Krankheiten behält sie für sich und überrascht andere hin und wieder mit manischen Ausbrüchen. So singt sie in einer Operette lauthals mit, um kurz darauf kräftig zu schluchzen. Sie mietet sich in ein Hotel ein, weil es ihr zu Hause zu schmutzig vorkommt, sie gibt dem Taxifahrer 50 Mark Trinkgeld. In die Klinik weist sie sich lieber selber ein. Jemand, der von sich aus kommt, kann auch von sich aus wieder gehen.

Die Geriatrie verlässt sie nicht mehr. Ihre Mitpatienten unterhält sie mit Gedichten. Gelegentlich hat sie selber welche geschrieben. Sie plante sie zu einer Trilogie zusammenzufassen.

Und dann gab es noch ein großes Ziel: Sie wollte so gerne 100 werden. Das hat sie nicht mehr geschafft. Thilo Bock

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