Berlin : Margot Dehmel (Geb. 1934)

„Ich wollt mal hören, wie’s dir geht“

Judka Strittmatter

Zweihundert Menschen kommen zur Beerdigung, der Dank für eine, die ihr Leben nutzte, um zu geben. Ob als Ehrenamtliche bei der Stadtmission, später bei der Kirchlichen Telefonseelsorge, als gläubige Christin sowieso. Wer in ihrem Leben war, der fühlte sich umsorgt. „Ich wollt mal hören, wie’s dir geht“, war eine ihrer Lieblingsfragen, wenn sie anrief – Freundin Edda hat sie oft gehört.

Ein Kind aus Schlesien war Margot Dehmel, das es eilig hatte, auf die Welt zu kommen. Der Vater war schon los, die Hebamme zu holen, als er heimkam, hatten Mutter und Tochter die Sache selbst erledigt.

1945 dann mit elf Jahren die Flucht, Margots Familie findet bei Hildesheim eine neue Heimat. Hier trifft sie auch Siegfried, ihren späteren Mann, zusammen sind sie im Evangelischen Jugendkreis. Margot vollendet die Handelsschule, lernt Verkäuferin, wird Verkaufsstellenleiterin im Konsum, und mit Siegfried hält sie sittsam Freundschaft, auch als er fern ist, drei Jahre lang – zur Theologenausbildung in Wuppertal. Dann kommt er und macht Ernst, schließlich sind beide Mitte zwanzig, am 20. Juli 1959 hält er um ihre Hand an. Und ist genauso schüchtern wie die Braut in spe. Ein Schritt, der Heldentum von ihm verlangt. „Das war mein 20. Juli“, sagt Siegfried Dehmel heute. In seinen Memoiren, die er in einem Buch für Freunde und die Familie niederschrieb, hört sich sein Antrag so an: „Ich möchte dich fragen, ob wir unser Kostgeld zusammentun wollen.“ Die Braut antwortet ähnlich sachlich: „Darüber muss ich erst mit meiner Mutter reden.“

Alles wird gut, den ersten Kuss schenkt sich das Paar vier Wochen nach der großen Frage, die Zeiten sind so. Sie heiraten 1961 und gehen in diesem Schicksalsjahr von Algermissen nahe Hildesheim nach Berlin. Siegfried Dehmel folgt dem Ruf der Stadtmission, sein Anfangsgehalt sind 320 DM, der junge Ehemann hat Ehrfurcht vor der Stadt: „Berlin erschien mir immer so groß, ich dachte, man müsse adelig sein, um dort leben zu dürfen.“ Obwohl der Frauenarzt den Dehmels eine kinderlose Zukunft prophezeit, kommen der Kinder drei: Ulrike, Ekkehard, Joachim.

Ein Fulltime-Job für Margot Dehmel, denn nebenbei arbeitet sie ehrenamtlich an der Seite ihres Mannes in der Stadtmission, in Mitte, in der Liesenstraße, direkt auf dem Mauerstreifen. In all den Jahren fährt sie oft auch rüber zu Freunden nach Ostberlin und in die DDR, bezahlt die 25 Mark „Eintrittsgeld“, packt Früchte ein und kehrt oft wieder mit den Worten: „Was geht’s uns gut hier!“

Das Nordufer in Wedding wird der Familienkiez, ein Leben lang. Die Kinder wachsen auf, und Kämpfe zwischen Jung und Alt, die gibt’s auch bei den Dehmels. Die Teilnahme an einer Selbsterfahrungsgruppe hilft den Eltern, diese Zeit der Auseinandersetzung besser anzunehmen.

Dann geht der Nachwuchs aus dem Haus, und Margot Dehmel will um Gottes willen nicht zu Hause sitzen, belegt einen Seelsorge- und einen Fußpflegekurs. Im Seniorenheim erkannte sie die gesprächsfördernde Kombination aus „alter Mensch und Fußmassage“. Das Hinzulernen ist damit keineswegs vorbei, Frau Dehmel wird noch Atempädagogin, drei Jahre Ausbildung am Ilse-Middendorf-Institut in Berlin, ihre Klienten behandelt sie zu Hause. Die Enkel sind ihr Ein und Alles, und wenn mal Zeit für Muße ist, dann liebt sie Doppelkopf mit anderen oder „Die Siedler von Catan“ auch ganz allein am Computer.

1994 die Diagnose Brustkrebs, Margot Dehmel wird geheilt, atmet durch, lebt weiter. 2007 finden die Ärzte Metastasen in der Leber, die Familie muss nun lernen, mit dem Thema Abschied umzugehen. Eine dritte Chemotherapie lehnt Margot Dehmel ab. Sie begreift den Tod als ihre letzte Reise, die sie in Liebe und in Würde angehen will. Doch nicht im Krankenhaus, nicht im Hospiz – zu Hause. Dazu gehören auch: Unternehmungen, Ausflüge mit der Familie. Gemeinsame Erlebnisse, die das Unvermeidliche vergessen machen sollen. In den Garten fahren, den Bundestag anschauen.

Mitte März lädt sie die Kinder und Enkel ein, das Abendmahl soll abgehalten werden, ihre Freundin Edda, lange Weggefährtin, soll alle Lieben segnen. Sie und Siegfried Dehmel erinnern sich an einen Tag mit vielen Tränen und mit viel Liebe. Am Tag darauf wird Enkelin Josepha geboren, und als hätte Margot Dehmel nur das noch abgewartet, geht es seither bergab mit ihr, zehn Tage später ist sie tot.

In vielen Briefen nehmen Freunde und Bekannte von ihr Abschied, gießen in Worte, was Margot Dehmel ihnen war. Jemand schreibt: „Für mich gehört sie zu den wenigen Personen, die ihr Temperament und ihre Gaben aus dem Zentrum des Glaubens heraus entfaltet haben, ohne Betulichkeit, kernig, alltagstauglich, auch mal unbequem, weltzugewandt. Toll.“ Vor der Osterkirche in der Samoastraße, in der die Dehmels Mitglied sind, hat die Familie einen Baum gepflanzt für die verlorene Frau und Mutter. Judka Strittmatter

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