Margot Friedländer : Zurück in Berlin

Margot Friedländer hat den Holocaust im Untergrund überlebt. Seit zwei Jahren ist sie wieder in ihrer einstigen Heimat Berlin unterwegs und erkennt die Stadt kaum wieder. Im nächsten Frühjahr erscheinen ihre Memoiren.

Lena Hach
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Entdeckt die Heimat neu. Margot Frieländer vor einem Haus in der Fasanenstraße, wo sie bei einer Familie Unterschlupf fand. -Foto: Thilo Rückeis

Zuerst sträubte sie sich. „Ich bin keine Schriftstellerin“, sagte Margot Friedländer, als man ihr vorschlug, den Kurs mit dem Titel „Write your memoirs“ zu besuchen. Alles Entscheidende ihres Lebens war der heute 85-jährigen Jüdin vor Jahrzehnten in Deutschland widerfahren. Wie sollte sie nun in New York, wo sie seit beinahe 60 Jahren lebte, die treffenden englischen Worte finden?

Sie sah sich den Kurs dann doch mal an und blieb zu ihrer Überraschung dabei. Als müsse sie sich der Vergangenheit langsam nähern, begann sie mit Geschichten über ihre beiden Großmütter. Dann, als sie eines Nachts nicht schlafen konnte, schrieb sie den ersten Text, in dem sie sich ihren schlimmsten Erinnerungen stellte. Sie gab ihm den schlichten Titel „The day I went into hiding“: „Der Tag, an dem ich untertauchte“.

Als die 21-jährige Frau im Januar 1943 von einem Arztbesuch zur Wohnung ihrer Familie in der Skalitzer Straße zurückkommt, ist die Tür versiegelt. Am gleichen Tag noch wollte die Mutter mit ihr und ihrem jüngeren Bruder aufs Land fahren, um sich dort zu verstecken, da die Gestapo 1943 die Suche nach den letzten noch in Berlin verbliebenen Juden verstärkt. Stunden bevor die junge Frau zur Wohnung zurückkehrt, werden ihr Bruder und ihre Mutter verhaftet. Alles, was der Tochter bleibt, ist die Handtasche ihrer Mutter. Die Nachbarn geben sie ihr. Darin findet sie einen Zettel mit einer Botschaft für sie: „Versuche, dein Leben zu machen.“

Wie sind diese Worte zu verstehen? Margot, mehr Mädchen als Frau, ist wütend, verletzt, ratlos. Was wird von ihr erwartet? Kann sie ihrer „Mutti“ helfen? Auch jetzt, 60 Jahre später, nennt sie ihre Mutter noch „Mutti“. Jahrzehntelang fragt sie sich, ob sie richtig handelte, als sie versuchte zu überleben.

Aus den Schreibversuchen wurde ein Buch. Nächstes Frühjahr erscheinen Margot Friedländers Memoiren. Sie handeln von der Zeit im Untergrund. Vieles hat sie verdrängt, Namen erinnert sie kaum. „Wir haben wenig gesprochen, weil man wenig wissen wollte“, sagt sie über die damalige Beziehung zu den Helfern. So war sichergestellt, dass sie im Fall einer Verhaftung niemanden gefährden würde.

Um nicht als Jüdin erkannt zu werden, lässt sie sich sogar ihre Nase operieren. Schließlich wird sie 1944 von jüdischen Spitzeln verraten und nach Theresienstadt deportiert. Dort trifft sie ihren zukünftigen Mann Adolf, den sie noch aus ihrer Zeit im Jüdischen Kulturbund kannte. Kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers 1945 heiraten sie und verlassen Deutschland.

Mit der Ankunft in New York schließen Margot Friedländers Memoiren. Die Zeit dort sei nicht wesentlich, sagt sie: „Wir haben versucht, ein normales Leben zu führen.“ Das junge Paar teilt den Schmerz der Überlebenden, beide Familien wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet.

Sie seien viel gereist, erzählt die alte Dame. In Deutschland waren sie aber nur einmal kurz, in München. Erst nach dem Tod ihres Mannes kehrte Margot Friedländer 2003 auf Einladung des Senats zurück nach Berlin. Bald kam sie in Begleitung des Regisseurs Thomas Halaczinsky wieder. Er drehte einen einfühlsamen Film über sie, in dem er Fragen nach Heimat und Identität stellte.

2005 eröffnete der Film „Don’t call it Heimweh“ das Jüdische Filmfestival Berlin. Man sieht, wie die elegante, ältere Frau mit der Bahn durch die Stadt fährt und feststellt: „Das ist nicht mein Berlin.“ Auch sieht man sie betroffen im Hof ihres früheren Hauses in Kreuzberg stehen, das sie nicht gleich erkennt. Dann wieder spaziert sie mit offenen Augen über den Ku’damm, fest entschlossen, ihre frühere Heimat neu zu entdecken.

Seitdem kommt Margot Friedländer regelmäßig nach Berlin, das sie nun auch wieder als ihre Stadt betrachtet. Immer hat sie einen vollen Terminkalender. Sie trifft Freunde, spricht mit Schulklassen. In ihrem Stammhotel auf dem Ku’damm wird sie vom Concierge stets herzlich begrüßt – er wundert sich über ihre scheinbar endlose Energie. Die endgültige Fassung ihres Buches ist gerade erst fertig geworden, weil sie alles sehr genau nahm. Der Verlag hatte ihr eine junge Autorin zur Seite gestellt, der sie einige moderne Wörter rausstreichen musste, „es ist ja nicht jetzt geschehen“. Der Titel des Buches sind die letzten, an sie gerichteten Worte der Mutter: „Versuche, dein Leben zu machen“. Lena Hach

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