Berlin : Margot Stein (Geb. 1921)

Sie als Königin. Ihre erste große Rolle – und ihre letzte

Felix Lampe

Danzig im Krieg, eine junge Frau auf dem Botengang durch die Stadt. In ihrer Handtasche trägt sie geheime Dokumente der französischen Résistance. Als sie um eine Ecke biegt, steht ein SS-Mann vor ihr: Straßenkontrolle, Handtasche aufmachen. Er beugt sich über die Tasche, macht ein erstauntes Gesicht – und weicht zurück. „Fräulein, Sie müssen Ihre Tasche aufräumen“, sagt er energisch. Und entlässt sie, ohne den Inhalt genauer zu prüfen. Margot Stein erzählte öfter davon, wie sie ihr Hang zum Chaotischen damals gerettet hat.

Der Sinn fürs Praktische war ihr schon immer abgegangen, daraus hat sie nie einen Hehl gemacht. „Ich bin zu ungeschickt“, sagte sie den Eltern und überzeugte sie, dass eine Bürolehre nicht das Richtige für sie sei. Sie wollte Schauspielerin werden und machte eine Ausbildung am Staatstheater Danzig, wechselte aber bald als Sprecherin zum Rundfunk. Der Intendant des Senders, selbst ein Antifaschist, wusste um ihre Widerstandsarbeit. Viel zu gefährlich für die junge Frau, befand er und schickte sie zu einem anderen Radiosender nach Riga. Gegen Kriegsende führte sie ihr Weg nach Rostock und Schwerin und schließlich ganz in den Westen nach Kiel.

Das Kieler Staatstheater 1949, Schillers „Don Carlos“ mit der berühmten Forderung nach Gedankenfreiheit. Unter dem großen Regisseur Rudolf Sellner und an der Seite von Dieter Borsche, Margot Stein als Königin. Es war ihre erste große Rolle – und ihre letzte. Es kamen, viel später, nur noch zwei Auftritte an der Berliner Vagantenbühne dazu. Denn in West-Berlin war die Freie Universität mit dem Institut für Theaterwissenschaft gegründet worden, wo man ihr einen Lehrauftrag für Sprecherziehung und Stimmbildung angeboten hatte. Sie hatte sich nicht beworben, ein Bekannter hatte in dieser unsicheren Zeit an sie gedacht. Selbstständig ging sie nichts an, sie nahm die Dinge, wie sie kamen.

Aber das Schicksal hatte ein gutes Gespür bewiesen: Schnell hatte Margot Steins Unterricht in den Räumen des Nordamerika-Instituts in Dahlem einen ausgezeichneten Ruf, der ihr viele Schüler zutrug. Rosel Zech und Horst Warning brachen sogar ihre Ausbildung an einer staatlichen Schule ab, um bei ihr zu Hause privaten Schauspielunterricht zu nehmen. So begeistert sie von ihrer Arbeit war, so unerbittlich blieb sie in ihrer Kritik. Sie hatte ein strenges Ohr, schnörkellos sollte das Spiel sein, Kitsch hatte keinen Platz. „Dieses Ausdrucksmittel ist zu billig!“ Oder: „Das klingt nach Selbstmitleid, das ist unerträglich.“ Mit Präzision wollte sie die Psychologie einer Figur entwickelt sehen. Warum stand an einer Stelle im Text genau dieses Wort? Über Etymologie und Zitate näherte sie sich der Bedeutung einer Wendung, flocht Anekdoten ein und folgte der Sprache in ihre Verzweigungen. Die weiten Wege der Erklärung entsprachen Margot Steins raumgreifendem Wesen. Sie trug weite Gewänder und liebte die Theatralik. Statt ihrer Brille benutzte sie auf ihren Reisen ins südliche Europa ein Lorgnon, zwei Brillengläser am Griff. Ihren Namen sprach sie französisch aus, ohne das t am Ende.

Dem musischen Zartgefühl stand das praktische Leben entgegen, seine alltäglichen Anforderungen, die sie ohne Hilfe von Freunden nicht zu meistern vermochte. Zu ihrem Alltag gehörten ihre Ängste, Verfolgungsängste, die es ihr immer schwerer machten, das Haus zu verlassen. Der lange Schatten der Nazizeit fiel in ihr Leben: Wie sie, das dunkelhaarige Mädchen mit griechischen Vorfahren, damals als Judenbalg beschimpft wurde; die Gefahren der Widerstandsarbeit. Die dunklen Wucherungen der Fantasie. Sie trat zum Judentum über – ein Versuch, die Dämonen zu bannen. Sie forderte Geradlinigkeit, man sollte Position beziehen, ohne Kompromiss. Von vielen wurde sie dafür verehrt. Mit nicht wenigen hat sie gebrochen.

Und dann war da aber auch eine große Leichtigkeit, ihre Selbstironie. Wie sie sich amüsieren konnte! Im Negativen wie Positiven war sie voller Energie. In Worten vor allem, weniger in Taten

Und doch am Ende der ultimative Akt. Nach ihrem 91. Geburtstag merkte sie, wie ein neuer Schatten auf ihren Geist fiel, der sie langsam ihrer selbst beraubte: Demenz. Die Vorstellung, in einem Heim zu verdämmern, war ihr unerträglich. Zwei Wochen lang verweigerte sie das Essen. Sie sagte: „Ich höre auf.“ Felix Lampe

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