Berlin : Maria Kleopha Büche (Geb. 1909)

Neben ihr ein kleiner Junge, der weinte. An seinem Arm zerrte ein Mann.

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Der Tod war immer um sie. Maria aber ist hundert Jahre alt geworden. Elf Geschwister hatte sie, nach 1945 lebten nur noch vier, die Mädchen. 1939 heiratete sie Herrn Büche. Herr Büche war ursprünglich Damen- und Herrenmaßschneider, wurde während des Krieges jedoch als Elektriker eingesetzt und musste deshalb nicht an die Front. Im August 1944 traf eine Bombe das Haus am Winterfeldtplatz, in dem er mit Maria und den drei Kindern lebte. Maria und die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt im Schwarzwald. Herr Büche kam schwer verletzt ins Krankenhaus und starb sechs Tage später. Wohin sollte Maria jetzt? Sie ging zurück nach Hause, zu den Eltern nach Westpreußen, die dort als Bauern auf einem Gut lebten. Doch sie konnte nicht bleiben, der Krieg war verloren, sie floh nach Mecklenburg, 1946 starb ihr Vater, zu dem sie eine besonders enge Beziehung hatte. Kleopha bedeutet im Griechischen „Ruhm des Vaters“.

Von Mecklenburg zog sie nach Berlin- Steglitz, in die Ahornstraße. Dort kam sie in einer Fünf-Zimmer-Wohnung unter, gemeinsam mit zwei ihrer Schwestern, den drei Kindern, einem fremden Mann und dem alten Ehepaar Lehmann.

Die Lehmanns kannte Maria seit 1931. Bei ihnen hatte sie „in Anstellung“ gelebt, bis sie 1939 Herrn Büche heiratete. Ihn hatte sie beim Tanz in einem Gesellenverein kennengelernt. Aber dorthin kam auch eine andere Frau, für die Herr Büche sich zunächst mehr interessierte. „Geh doch zu ihr“, sagte Maria zerknirscht. Außerdem machte sie sich Sorgen: Wie viele junge Mädchen damals glaubte sie, allein von einem innigen Kuss werde man schwanger. Herr Büche kam schließlich doch zu ihr, sie heirateten und küssten sich nicht nur, und im Zwei-Jahres-Takt kamen Barbara, Veronika und Bernhard zur Welt. „Trotz des Krieges war die Zeit mit meinem Mann die schönste meines Lebens“, sagte Maria Jahrzehnte nach seinem Tod.

Viele Menschen also wohnten in der Ahornstraße, auch das Ehepaar Lehmann, das sie am Ende pflegte. Herr Lehmann arbeitete als freiberuflicher Lebensmittelchemiker, und Maria half ihm bei den Analysen in der Ahornstraßenküche. Die Qualität der Butter aus dem KaDeWe zum Beispiel hatten sie zu testen. Ein großes duftendes Stück kam ins Haus, nur einen winzigen Teil davon verwendeten sie für die Analyse, den wertvollen Rest strichen sie den Kindern auf das knappe Brot.

Von ihrer Familie wurde Maria als gütige, großzügige und tief religiöse Frau beschrieben. Sie gab viel, kümmerte sich um alles, ohne zu jammern, stellte sich niemals in den Mittelpunkt. Als sie an einem Novembertag des Jahres 1965 jedoch die Zeitung aufschlug, sah sie da sich selbst auf einem Foto. Ihr Gesicht darauf war traurig, neben ihr ein kleiner Junge, der weinte. An seinem Arm zerrte ein Mann.

Der Mann war ein Beamter der Jugendfürsorge, der kleine Junge: Lutz. Eine Tochter von Maria, die in einem Kinderheim arbeitete, hatte Lutz 1960 mit nach Hause gebracht, erst nur für einen Nachmittag, dann ganze Wochenenden lang. Niemand besuchte Lutz im Heim, seine Mutter saß in einem DDR-Gefängnis. Sie hatte nach der Geburt des Sohnes eine Adoptionsurkunde unterschrieben. Niemand aber wusste davon. Lutz fühlte sich wohl in der Ahornstraße, und Maria schlug vor, ihn ganz zu sich zu nehmen. Die Behörden sagten, es läge zwar keine offizielle Erklärung der Mutter vor, aber sie könne den Jungen nehmen. 1965 bot die DDR der Mutter Hafterlass an – wenn sie das Kind aus dem Westen in den Osten zurückbrächte. Maria erhielt einen Brief. Das Kind sei „umgehend zur leiblichen Mutter zu bringen“. „Umgehend“ hieß: morgen. Maria handelte eine Woche Aufschub aus. Dann begleitete sie Lutz zur Grenze. Das Kind verstand nichts von alldem. Der „Stern“ und die „B. Z.“ fotografierten die Szene und beschrieben sie im zeitgemäßen Kaltkriegs-Jargon.

1973 durfte die gläubige Maria nach Ost-Berlin reisen, zur Jugendweihe ihres einstigen Pflegesohnes. 1983 starben zwei ihrer Schwestern. Da war sie 74, und 26 Jahre lagen noch vor ihr. Am Morgen des 10. November 1989 stand Lutz in der Ahornstraße vor der Tür. 1999 beging Maria ihren 90. Geburtstag im „Bistro am Gendarmenmarkt“; die Gaststätte gehört Lutz. 2006 probierte sie zum ersten Mal Sushi. 2009 feierte sie ihren 100. Geburtstag. Danach wollte sie ihre Ruhe.

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