Berlin : Maria Pia Heinitz (Geb. 1912)

Vor anderen Menschen hat man keine Angst.

Anne Jelena Schulte

Marias größtes Talent“, so sagt ihr Sohn, „bestand darin, dem Leben das Drama zu nehmen.“ Dabei bot es die Fallhöhen einer klassischen Tragödie.

Ihr Vater stammte aus der Familie der Tommasi, einem italienischen Adelsgeschlecht, das einige bedeutende Künstler hervorgebracht hatte. Zwar war das Erbe verbraucht und der Titel hin, doch Marias Mutter, eine Korsin, brachte Villen und Grundstücke mit in die Ehe.

Die vier Tommasi-Schwestern verlebten eine Kindheit mit Reitstunden, Privatunterricht, Reisen und dem ersten Auto von Florenz. So schmolz der Reichtum im Laufe der Jahre dahin, doch was ihnen blieb, war die Lebensfreude, gepaart mit der Liebe zu allem Schöngeistigen.

Wie die Musketiere sollten ihre Zukünftigen sein, beschlossen die drei älteren Schwestern und teilten die Helden unter sich auf. Maria wählte den zurückhaltenden Artos.

Einundzwanzig Jahre war sie alt, als sie ihm im Haus eines Verwandten endlich begegnete. Er hieß Ernst, war ein deutscher Jurist und als Sohn eines Juden auf der Flucht vor den Nazis. Es war Liebe auf den ersten Blick, zumal Ernst so schöne blaue Augen hatte. Sie brachten einander ihre Muttersprachen bei.

Für den Mut hatte er viel Rotwein getrunken, und als der Heiratsantrag endlich hervorgebracht war, übergab er sich in die Büsche am Wegesrand. Der strenge Geruch konnte Marias Freude nicht trüben.

Wohl aber ihr Vater. Der sah in Ernst den mittellosen Exilanten, einen hilflosen Mann, dem er seine 156 cm kleine Tochter, der er aufgrund ihrer zarten Konstitution ein Studium verwehrt hatte, nicht überreichen wollte. Drei Tage dauerte es, bis Marias Tränen die väterliche Autorität unterspült hatten.

In den folgenden Jahren zeigte sich, dass Ernst das Mädchen besser kannte als ihr Vater. Nicht zart war sie, sondern zäh und genügsam. Sie übersetzte Bücher über Bildende Kunst vom Englischen ins Italienische und trug so zum Lebensunterhalt bei. Bis auch in Italien „Rassegesetze“ galten und sie als Frau eines „Halbjuden“ ihre Staatsangehörigkeit verlor.

Das Paar tauchte ab in den Untergrund. Sie übernachteten bei Verwandten und Fremden, sie lebten von milden Gaben und manchmal von gar nichts. Maria unterstützte Ernst, der für andere Juden falsche Papiere besorgte und ihnen über die Schweizer Grenze half. Sie zerriss während einer Hausdurchsuchung Namenslisten und schluckte einen Teil der Schnipsel hinunter. Sie sah in den Straßen Menschen zusammenbrechen, getroffen von den Scharfschützen der Faschisten. Trotz allem stahl sie sich in eine Aufführung von „Don Giovanni“, und als der Fliegeralarm dröhnte und die Bomben einschlugen in Florenz, blieb sie sitzen und lauschte den Darstellern, die nicht aufhörten zu singen.

Einmal nur wurde sie wütend auf ihren Ernst, denn das war das Einzige, das sie von ihm verlangte: Dass auch er nicht resignierte.

An jenem Tag fand sie einen Brief seiner Mutter aus Berlin. Vergeblich sei es zu hoffen, hatte die geschrieben, warum darauf warten von den Nazis getötet zu werden? Sie schicke ihm hier die Mittel, um ohne fremde Gewalt aus dem Leben scheiden zu können. Vom Gift und auch von Ernst fehlte jede Spur. Es war Sperrstunde. Maria rannte hinunter zum Fluss, fand die Stelle, an der Ernst oft gesessen hatte und auch in dieser Stunde saß, und sie schimpfte und schlug auf ihn ein.

Eine Grundüberzeugung schuf sich Maria in dieser Zeit, einen Glaubensgrundsatz, den sie später ihren beiden Kindern predigte: Vor anderen Menschen hat man keine Angst.

Obwohl ihr Leben über Jahre hinweg von den Faschisten bedroht wurde, obwohl Ernst viele Verwandte und Freunde verloren hatte, wussten beide schon während der Kriegszeit, dass sie in Deutschland ihr Leben aufbauen wollten. Warum? Ernst hatte als Jurist kaum eine andere Chance, und Marias Liebe zu ihm war über alles andere erhaben.

In Berlin fühlte sie sich wohl. In dieser Stadt verlangte keiner von ihr, dass sie vormittags, wenn die Kinder in der Schule waren, Unkraut zupfend im Garten oder Marmelade kochend in der Küche stand. Sie übersetzte Kunstbände, besuchte Ausstellungen, las ganze Bibliotheken leer und kam immer wieder auf ihren Lieblingsautor zurück: Den schwermütigen Dostojewski, der ihr heiteres Gemüt ergänzte.

Sie lebte das Leben einer Kulturdame, ohne sich wie eine solche zu benehmen. „Bitte blamier mich heute Abend nicht“, bat Ernst seine Frau manchmal, der erst Professor und dann Rektor der FU war. Maria aß und trank, sobald etwas vor sie hingestellt wurde. Die deutsche Sitte, zu warten, bis alle anderen bedient sind, fand sie absurd. Die Sommerferien ihrer Kinder dehnte sie alljährlich von sechs auf acht Wochen aus, und einmal fand sie sich in einer Verkehrssendung wieder. „So nicht!“, warnte der Moderator: Zu sehen war Maria, die, beladen mit Tüten und Kartons, bei Rot eine vierspurige Straße überquerte.

Darin, glauben die Kinder, lag der Schlüssel zu ihrer Heiterkeit: Dass Maria nach ihren eigenen Regeln lebte, und damit so zufrieden war, dass sie sich von anderen keinen Beitrag zu ihrem Glück erwartete. Noch als alte Frau kurvte sie im Rollstuhl von Ausstellung zu Ausstellung und übte ihr Gedächtnis, indem sie Agatha Christie übersetzte.

Es war Nacht, als die Tochter sah, dass in dem Zimmer, in dem Maria seit dem Tod von Ernst lebte, noch Licht war. Die alte Dame lag im Bett, auf der Nase ihre schwere Brille, in der Hand die Ausgabe des „Faust“, die Ernst ihr geschenkt hatte. Am nächsten Morgen war das Licht gelöscht, Buch und Brille lagen ordentlich auf dem Nachttisch, Maria war tot. „Macht kein Drama aus meiner Beerdigung“, hatte sie gebeten, „kein Orgelspiel!“Anne Jelena Schulte

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