Berlin : Marianne Samarellis (Geb. 1936)

Sie gab nicht nach. Shakespeare muss doch jeder kennen

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Am 17. Juni 1936 erblickte ich in der Sängerstadt Finsterwalde das Licht der immer düsterer werdenden Welt“, schrieb Marianne Samarellis, geborene Puhle, in einem Abriss ihres Lebens, einige Jahre vor ihrem Tod. Der Vater, zu alt, um als Soldat zu kämpfen, reckte bei irgendeiner Gelegenheit nicht den rechten Arm zum Hitlergruß, wurde zur Strafe zum Schreibdienst eingezogen, kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sie selbst erkrankte an Scharlach, Typhus und Diphtherie, alle Haare fielen ihr aus. Die Mutter flüchtete mit ihr und dem jüngeren Bruder vor den sowjetischen Soldaten in ein Fabrikgebäude; als sie sich wieder hervorwagten, stand an der Stelle ihres Hauses eine qualmende Ruine. An den eingeknickten Streben eines Fensterkreuzes hing Mariannes Puppenwagen.

Sie fanden Unterkunft in einem Zimmer, in das sowjetische Soldaten eindrangen, Marianne und ihre Tante mitnahmen, das Mädchen zwangen, der Vergewaltigung der Frau zuzusehen. 1946 kehrte der Vater dürr und entkräftet zurück, die Familie zog nach West-Berlin. 1949, in den Monaten der Blockade, starb Mariannes Bruder an Unterernährung und Diphtherie. Er war elf Jahre alt.

„Danach verlief alles ,normal‘“, schrieb sie in ihren Aufzeichnungen. Sie machte Abitur, bekam noch zwei Schwestern, verbrachte ihre Sommerferien in London und in Brüssel und schrieb sich an der Freien Universität für Englisch und Französisch ein. Ein Semester studierte sie in Dijon, und erzählte immer wieder die Geschichte vom Empfang der Studenten im Rathaus, wo sie ihren ersten Kir trank, serviert vom Bürgermeister Félix Kir. Um sich auf ihr 1. Staatsexamen vorzubereiten, mietete sie ein Zimmer in einem niederbayerischen Gasthof und begab sich zum Lernen jeden Tag auf einen Hochsitz.

Ab 1965 unterrichtete sie am Arndt-Gymnasium, Dahlem.

Nikos lernte sie auf einer Ferienreise in Griechenland kennen, sie heirateten 1968, bekamen eine Tochter und einen Sohn, und verbrachten viele unendlich scheinende Sommer auf Lesbos.

Sie liebte Shakespeare: „Sterben – schlafen – / Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt’s: / Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, / Wenn wir den Drang des Ird’schen abgeschüttelt, / Das zwingt uns still zu stehn.“ Manchmal stöhnten ihre Schüler: „Schon wieder Shakespeare“, doch sie gab nicht nach, so etwas Schönes muss doch jeder kennen. Immer sorgte sie sich um die Jugendlichen, manche von den ganz und gar Verzweifelten übernachteten sogar bei ihr, das Haus stand immer offen.

Ein Schüler, mit einem Hang zur Träumerei und Einsamkeit, um den Hals stets einen langen Schal, fühlte sich besonders zu Marianne hingezogen, mit ihm führte sie lange, eingehende Gespräche. Als er vor einem Jahr starb, hinterließ er ihr all sein Geld.

Die Menschen bedeuteten Marianne tatsächlich etwas. Ihren Blick richtete sie auf das Gute in ihnen, obwohl sie um das Schlechte wusste, zuweilen auch frustriert war von dieser Welt. Aber den Humor verlor sie trotzdem, vielleicht gerade darum, nicht. Für Geburtstagsfeiern ersann sie Reden, in denen die Adjektive fehlten, erst während des Vortrags wurden die Lücken gefüllt von den Gästen: Sie riefen Marianne Worte zu, die sie geschickt in die Laudatio einflocht.

Sie konnte aus dem Stand Gedichte verfassen, schrieb viele Meter Tagebücher. Wenn in einem Berliner Hinterhof ein Theaterstück aufgeführt, irgendwo ein Theater eröffnet wurde, fuhr sie dorthin. An den Montagabenden ging sie zu den Autorenlesungen in der Schwartz’schen Villa. Schriftsteller und Illustratoren unterstützte sie in einem Verein.

Im Frühling letzten Jahres, nach einem dieser Abende, machte sie sich froh auf den Weg nach Hause, stellte sich an die Bushaltestelle und wurde niedergeschlagen und beraubt. Im Frühling dieses Jahres lag sie im Bett, im Körper den Krebs, und sagte einen letzten Satz: „Eine immer düsterer werdende Welt.“ Doch beglückt war sie so oft in ihrem Leben, wie sie selbst andere beglückt hatte. Auf ihrer Grabschleife steht ein Vers aus Shakespeares „Sturm“: „Wir sind solcher Zeug / Wie der zu Träumen, und dies kleine Leben / Umfasst ein Schlaf.“

In ihrem Grab, bevor ein Grabstein darauf stand, steckte ein Schild mit ihrem Namen und ihrem Todestag, dem 23. April 2010. Ein Irrtum. Und doch wieder nicht. Marianne starb am 22. April. Der 23. April ist der Geburtstag von William Shakespeare. Tatjana Wulfert

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