Berlin : "Marie" lässt die Hüllen fallen

Christian van Lessen

Gerüste sind gefallen, und fast scheint nur noch das Glas in den Fenstern zu fehlen. Gestern blickten Tausende von Berlinern und Touristen noch interessierter und verwunderter als sonst von der Ostseite des Reichstags zum anderen Ufer: Auf die merkwürdige Betonlandschaft, die dort mit markanten Kurven und Rundungen entstanden ist. Vielen Betrachtern ist der Bau aus dieser Perspektive ein futuristisches Rätsel, viele wissen nicht, was er soll und für wen er ist. Wie er heißt, schon gar nicht. Am Dienstag ist nun das Richtfest für das "Marie-Elisabeth-Lüders-Haus" des Bundestags - bald vier Jahre, nachdem die damalige Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth den ersten Spatenstich in den märkischen Sand gesetzt hatte. Nun wird Wolfgang Thierse wieder einmal festlich ernten, was seine Vorgängerin baulich gesät hat. Die Rohbauarbeiten für das neue Wissenschaftliche Dienstleistungszentrum des Deutschen Bundestags sind, rund zwei Jahre nach ursprünglichem Plan, beendet. Nach etlichen Wirren und Verzögerungen und Streitereien zwischen der Bundesbaugesellschaft und Baufirmen. Aber beim Marie-Elisabeth-Lüders-Haus konnte das Parlament die Verspätung noch am ehesten verkraften, weil es für die Arbeitsfähigkeit des Bundestags nicht so bedeutend ist wie am anderen Ufer die Gebäudeblöcke des Jakob-Kaiser- und des Paul-Löbe-Hauses mit ihren Büros und Sälen. Aber immerhin ist die "Marie" (die Parlamentarier selbst sind über den sperrigen Namen unglücklich) 600 Räume groß geworden. Sie wird die noch in Bonn wartende zentrale Parlamentsbibliothek beherbergen, die drittgrößte nach Washington und Tokio.

Der Lesesaal staffelt sich über mehrere Etagen. Außerdem werden die Fachbereiche der wissenschaftlichen Dienste und das Bundestagsarchiv einziehen, weiterhin zahlreiche Logistik-Abteilungen (Reisestelle, Post, Fahrdienst). Und direkt an der Spree ist als Einzelbau ein großer, drei Stockwerke hoher Anhörungssaal mit 145 Sitzplätzen vorgesehen. Am Ufer wird es einen öffentlichen "Spreeplatz" geben, und eine repräsentative Freitreppe soll auf eine skulpturenbestandene Terrasse führen. Teile der Mauer, die hier stand, werden in den Gebäudekomplex, den dritten und letzten Neubau des Bundestags in Berlin, einbezogen. Architekt Stephan Braunfels erinnerte kurz vorm Richtfest noch einmal daran, dass der Neubau als Fortsetzung des ebenfalls von ihm entworfenen Paul-Löbe-Hauses zu verstehen ist. Damit werde der "Spreesprung vollzogen", der Bundestag schaffe ein Gesamt-Ensemble, das mit Brücken das West- und Ostufer verbinde und so "symbolisch die Überwindung der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West darstellt". So, wie es auch der städtebauliche Entwurf des Architekten Axel Schultes mit seinem "Band des Bundes" vorgegeben hatte, das sich vom Bundeskanzleramt im Westen bis zum Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Osten erstreckt. Braunfels hält gerade das morgige Richtfest für interessant, weil sich nun erstmals der künftige Spreeplatz darstelle und weil der "skulpturale Ausdruck des Gebäudes im Rohbauzustand besonders klar und eindrucksvoll erkennbar ist".

Das rund 200 Millionen Euro teure Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (benannt nach der 1966 verstorbenen Berliner Ehrenbürgerin, FDP-Politikerin und ersten Frau, die 1912 in Deutschland promovierte) bietet zumindest die interessantesten Formen aller Bundestagsbauten, aber auch viel nackten Beton, vor allem auf der rückwärtigen Seite, zur Otto-von-Bismarck-Allee hin. Braunfels war schon beim Paul-Löbe-Haus über die Ausführung des Sichtbetons verärgert, bei seinem jüngsten Kind ärgerte er sich noch mehr. Aber während der Bauphase soll es Nachbesserungen geben. Auch die doppelstöckige Fußgängerbrücke, die beide Häuser miteinander verbinden soll, wird nicht so aussehen, wie sie der Architekt ursprünglich geplant hatte. Schützende Scheiben waren vorgesehen, doch aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz kamen Bedenken. Vögel könnten gegen das Glas prallen und den Spree-Schiffern auf den Kopf fallen. Die Scheiben wurden gestrichen, der Übergang wird vermutlich zugig bleiben. Im Herbst nächsten Jahres soll "Marie" fertig sein. Nach Frau Süssmuth beim Spatenstich und Thierse beim Richtfest könnte ein dritter Präsident die Eröffnungsrede halten.

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