Marienviertel : Die Kirche in Alt-Berlin lassen

Der frühere Senatsbaudirektor will die Stadtstruktur um St. Marien wiederherstellen. Die Ämter sind skeptisch.

Christian van Lessen

Sie ist als Gasse ein rührender Stummel am Domaquarée, aber war mal viel bedeutender, als Heiligegeiststraße, flankiert von Bischofstraße und Hohem Steinweg. Weithin unbekannte Adressen. Sie gehörten zu einem kleinen Straßengeflecht, das in keinem neueren Stadtplan verzeichnet ist, lagen mitten in der Stadt und sind verschwunden – ein kriegszerstörtes, abgerissenes Viertel, begraben unter der weiten Grünfläche des Marx-Engels-Forums in Sichtweite der Marienkirche und des Roten Rathauses.

Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann will, wie er am Wochenende in einem Beitrag für den Tagesspiegel schrieb, dieses Viertel wieder zum Vorschein bringen, allein schon deshalb, weil es bald direkt gegenüber dem Humboldt-Forum, dem Schloss, liegt. Dann gehöre auch hier wieder städtisches Leben hin, meint er. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist noch skeptisch. Nach Beschlusslage, so wird versichert, bleibt das Gelände erst einmal unbebaut, auch wenn andernorts in unmittelbarer Nachbarschaft die Spuren der alten Stadt wieder möglichst sichtbar werden sollen.

Die Behörde ist dabei, dem Spittelmarkt seine alten Konturen zu geben, sie ist am Petriplatz am Werk, wo die Archäologen erst einmal mittelalterliche Knochen ausgraben, sie wird vermutlich im nächsten Jahrzehnt das Baurecht schaffen, um den alten Molkenmarkt südlich vom Rathaus – er ist vor allem als großer Parkplatz bekannt – mit Wohn- und Geschäftshäusern sowie Gastronomie- und Kulturangeboten sichtbar machen.

Aber das „Marienviertel“, wie die Planer das Areal an der Marienkirche und auf dem Marx-Engels-Forum nennen, bleibt noch freies Feld. Der frühere Senatsbaudirektor dachte zwar schon kurz nach der Wende daran, das Quartier wieder herzustellen, dann aber entschied sich der Senat, die Pläne in der Schublade zu versenken. Das war auch die Folge einer lebhaften Diskussion über den Umgang mit dem Ost-Berliner Städtebau.

Aber Amelie Schoen vom Hauptstadtreferat hält es – nach Rücksprache mit der Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD) – für denkbar, dass über das Marienviertel noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Dass die Diskussion für eine Bebauung dieses versunkenen Areals erst richtig angefacht wird, wenn das Humboldt-Forum steht, das dürfte nicht vor 2013 sein. Vielleicht mache sich dann das Fehlen einer Stadtkante gegenüber der Spree bemerkbar. Der Schloss-Neubau müsse erst wirken.

Aber es gibt zuvor noch eine Hürde. Wegen der geplanten Verlängerung der U-Bahnlinie 5 verbietet sich ohnehin in absehbarer Zeit eine Bebauung. Denn das Marx-Engels-Forum soll Platz für die Baustellen-Einrichtung freihalten, wird also noch mächtig aufgegraben. Mit den Arbeiten ist in zwei Jahren zu rechnen.Sie kämen auch dem Neptunbrunnen nahe. Der frühere Senatsbaudirektor will, dass der Brunnen, unter dem die Fundamente der mittelalterlichen Stadt ruhen, wieder auf den Schlossplatz kommt, wo er früher stand. „Ein beängstigender Rückgriff in die politische Deutungshoheit über die Mitte Berlins, DDR-Städtebau sollte von der Berliner Innenstadtkarte getilgt werden,“ kritisierten gestern die Planer der „Plattform Nachwuchsarchitekten“. Was historisch erhaltenswert sei, wolle der frühere Senatsbaudirektor nach eigenen Vorstellungen bestimmen. Für das Marienviertel fürchten die kritischen Architekten „eine Blockrandbebauung à la Stimmann.“ Die Senatsverwaltung hat Zweifel, ob der Brunnen verlegt wird. Darüber werde erst entschieden, wenn der Wettbewerb für das Humboldt-Forum beendet ist.

Die Stadt aber besinnt sich verstärkt ihrer historischen Wurzeln auch jenseits des rekonstruierten Nikolaiviertels. Sie verdichtet sich rund um die Friedrichwerdersche Kirche, den Hausvogteiplatz, die Klosterstraße. Die Weichen für eine private Finanzierung der alten Bauakademie sind gestellt, das Humboldt-Forum wird als Erinnerung an das Schloss vermutlich in drei Jahren begonnen. Die Heiligegeiststraße könnte vielleicht auch an Bedeutung gewinnen. Sie war immerhin die Hauptstraße des Quartiers, das (noch?) eine große Grünfläche ist.

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