Berlin : Mario Adorf: Mit dem Kickboard auf die Bühne

Christine-Felice Röhrs

Zu Beginn der schwarz-weiße Bilderreigen, auf die große Bühnenleinwand geworfen. Damit auch noch der letzte Besucher des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt am Donnerstagabend daran erinnert wurde, für wessen Darbietung er zwischen 70 und 100 Mark Eintritt bezahlt hatte: Zu sehen war Mario Adorf in verschiedensten Theater- und Filmrollen; als Mufti, als Pistolero, nein, nicht als Großer Bellheim, als bartloser Jungspund, schließlich als Kleinkind mit Pottschnitt und einem gepunkteten Ball im Arm. Da lachte das Publikum - Stichwort ... und der 70-jährige Schauspieler fuhr per Kickboard auf die Bühne. Ein leichter, vergnüglicher Auftakt für einen ebensolchen Abend.

Was genau sich abspielen würde, ahnten viele Gäste nur verschwommen. Eine Lesung aus dem neuesten Buch? (die Zweitbegabung des Schauspielers ist die Schreiberei, vier Bücher) Oder ein Konzert? Aus dem Titel der Veranstaltung - kurz "Ciao!" - war nichts abzulesen. Ein bisschen von allem, hieß schließlich das Patentrezept des Deutsch-Italieners.

Musikalisch machte der Charakterdarsteller nichts falsch, interpretierte Selbstläufer querbeet: von Marius Müller-Westernhagen, von Frank Sinatra und Hans Albers. Mit mehr Charakter als Können in der tiefen Stimme. Aber für Chansons wie "Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" braucht man ja auch eher eine prägnante Stimme denn eine perfekt geschulte. Überhaupt: Drittbegabungen dürfen schon ein bisschen schwächeln. Im weiteren Verlauf des Abends: klassische Theatermonologe, Imitationen alter Adorfscher Weggefährten, wie zum Beispiel Hans Albers. Schauspielen kann er eben doch am besten. Was Adorf am meisten Spaß macht im Leben - kreativ und künstlerisch tätig sein und dies auch allen zeigen - und wen er liebt und wer ihn am meisten prägte, das wird in diesem zweieinhalb Stunden-Programm sehr deutlich. Es erlaubt sozusagen einen Blick in die Seele des Mannes.

Die Mischung des Programms war wild, aber gefiel (drei Vorhänge, zwei Zugaben). Die meisten wollten den charismatischen Schauspieler "sowieso nur mal aus der Nähe erlebt" haben. Und diesem Bedürfnis wurde der Unterhaltungsprofi Adorf gerecht: Eifrig fütterte er sein Publikum auch mit privaten Anekdoten. Wie sein alter Lehrer Fritz Kortner ihm an den Kopf geworfen hatte: "Adorf! Ich habe Sie in dem schweren Verdacht, einen anderen Beruf zu schwänzen." Dass ihm einmal auf der Bühne - "ich trug die hautengen Jeans ohne Slip" - die Hosentür offen stand. Und: Eigentlich habe er immer Bildhauer werden wollen... Da! Auch noch viertbegabt. Bald nun damit vor das geneigte Publikum?

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