Berlin : Marion Lennartsson (Geb. 1949)

Mitgetrunken hat sie nicht, denn am nächsten Tag um zehn ging es ja weiter

Tor! Das erste für Hertha. Jubel. Dann ein gleichförmiges Geräusch. Gedämpftes rhythmisches Klopfen. Tock, tock, tock. Glasflaschenböden auf Holz. „Stopp, nein“, ruft Marion in das Getöse. „Viel zu früh!“ Die Männer, blau-weiße Trikots, blau-weiße Schals, grinsen. Aus einer Ecke noch ein letztes „Tock“, dann ist Ruhe. Die Chefin ist noch nicht durch. Denn erst wenn sie durch ist, wenn jeder eine Kümmerlingflasche vor sich stehen hat, erst dann dürfen alle loslegen. Können nach Kneipenbrauch mit den Flaschenböden auf die Tische klopfen und das erste Tor feiern. Aber allein die Chefin gibt das Startsignal.

Und zwar alle zwei Wochen, dann sind die Kneipengroßkampftage, denn dann spielt Hertha im Olympiastadion, um die Ecke vom Steubenplatz, von der „Westend-Klause“, wo die Leute seit 90 Jahren ihr Bier trinken, in den Dreißigern die Literaten, Ringelnatz saß täglich in seiner Ecke, in den Fünfzigern die Karikaturisten; an den Wänden noch, in großem Format, die barbusige Schöne oder der „Arsch mit Ohren“, bei dem es sich auch, Interpretationssache, um geöffnete Schenkel mit Ohren handeln könnte.

Marion führte die Westend-Klause nur zehn Jahre, doch kam es den Stammgästen wie eine Ewigkeit vor. Als sei sie immer schon da gewesen. Obwohl sie ja anfangs noch in Braunschweig lebte, die Geschäfte von der Provinz aus leitete. Was irgendwann zu strapaziös wurde, ständig die 250 Kilometer hin und zurück. Dann also ganz nach Berlin, zusammen mit Peter, dem sie 1998 auf dem Braunschweiger Stadtfest begegnet war.

Marion kannte Berlin, hatte jahrelang hier gelebt, erst im Osten, dann im Westen. Sie wollte damals, in den Achtzigern, unbedingt raus, zu eng, zu stumpf die DDR. Ihr Söhnchen zum Beispiel, das mit seiner Kindergartengruppe die Mauer besichtigte, inklusive Erläuterung der Erzieherin: „Da drüben sitzt der böse Kapitalist, der uns alle totschießen will“, woraufhin das Kind bestürzt zu Hause fragte: „Mama, Tante Helga, die immer so schöne Sachen schickt, die will uns doch nicht totschießen?“ Marion stellte einen Ausreiseantrag, ihre Kindergärtnerinnenstelle hatte sie umgehend aufzugeben, 1988 durfte sie gehen.

Im Westen warb sie in Kaufhäusern für Artikel der schönen bunten Warenwelt, spezialisierte sich auf Küchenzubehör, reiste durch ganz Deutschland, bis sie für eine leitende Position in Braunschweig landete.

Jetzt also Berlin. Auf eine Weise scharrte sie wie früher einen Trupp Kinder um sich, zumindest in der Nacht, wenn die Ränder des Bewusstseins langsam verschwimmen und manch Trinkender in infantile Melancholie verfällt. Marion hörte sich die Nöte an, stets aufmerksam. Doch muss man auch achtgeben als Wirt, sonst hockt man morgens um fünf noch in der Kneipe. Mitgetrunken hat Marion nicht, denn am nächsten Tag um zehn ging es ja weiter: Einkäufe, Bierlieferung, Bankangelegenheiten.

Und das Leben außerhalb der Westend-Klause: das Meer ab und an, denn im Norden war sie zur Welt gekommen. Ihre beiden Söhne. Das Enkelkind. Die Freundschaften. Peter natürlich, wie gern sie ihm zuhörte, wenn er mit seiner Band auf der Bühne stand und sang, manchmal allein für sie. Peters Tochter, die einmal sagte: „Marion ist wie eine Löwenmutter. Sofort hat sie mich in ihr Rudel aufgenommen und beschützt.“

Dann, Ende Juni, ihr „früher, tragischer Tod“, wie es in der Traueranzeige heißt, Indiskretion verbietet sich; ein Suizid war es nicht, um keine Gerüchte aufkommen zu lassen.

Am 10. August, um 18 Uhr, legte ein Kreuzfahrtdampfer in Kiel ab. Die Kabine war gebucht, der Tisch bei Kerzenschein, eine Überraschung von Peter zu ihrem zehnten Hochzeitstag.

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