Berlin : Marita Bauer (Geb.1956)

Was sie wollte, hat sie sich genommen.

Elisa Peppel

Marita ist ein starkes Mädchen. Dickköpfig ist sie auch. Sie will einen Bikini haben, keinen Badeanzug. Die Eltern bleiben hart, den Bikini kaufen sie nicht. Da nimmt Marita die Schere und schneidet den Einteiler entzwei. Fertig ist er, der Bikini. Und sie hat ihren Willen durchgesetzt.

Es sind die sechziger Jahre in Emlichheim, Grafschaft Bentheim, ein 5000- Seelen-Ort in der niedersächsischen Provinz, und Marita hat vier Geschwister; da kann ein wenig Eigensinn nicht schaden. Was Marita will, das will sie, und was sie nicht will, lässt sie eben sein. Als ihr ihre Einschulungsfeier zu lang wird, steht sie auf und geht nach Hause. Der schimpfende Vater läuft mit der Schultüte hinterher.

Auf einem alten Foto ist sie fünf Jahre alt, stolz trägt sie das Schwesternhäubchen auf dem Kopf und den Rotkreuzkoffer in der Hand. Krankenschwester will sie werden, unbedingt, auch wenn die Geschwister „Pisspott-Schwenkerin“ dazu sagen. Als sie endlich alt genug dafür ist, macht sie die Ausbildung und zieht nach Berlin. Nach fünf Jahren Arbeit im Krankenhaus will sie mehr, beginnt noch ein BWL-Studium an der Freien Universität: tagsüber an der Uni, oft strickend, mit ihrem Patenkind Clas auf dem Schoß, nachts Krankenhausdienste. Gleich nach dem Examen wird sie Geschäftsführerin beim Berufsverband für Pflegeberufe.

Es sind die Achtziger, kaum ein Mensch redet über den demografischen Wandel, doch Marita ist schon klar: Die alternde Gesellschaft wird mehr und professionellere Pflegekräfte brauchen. Sie initiiert ein Gütesiegel für Pflegedienste, setzt sich für eine bessere Aus- und Weiterbildung der Pfleger ein. Sie will die Strukturen verändern. Das empfinden manche als Zumutung. Doch Marita bleibt stur. Sie diskutiert die Einwände, argumentiert so lange, bis sie auch die Skeptiker auf ihrer Seite hat.

Sie ist Mitte 30, als sie Rudi trifft. Es ist nicht ihre erste Beziehung, aber die erste, die wirklich passt. Rudi kommt wie sie aus dem Pflegebereich. Er ist auch in der SPD. Und er kann vor der Familie bestehen. Maritas Familie ist groß und dominant und sie ist ihr Zentrum. Die „Mary“ holt ihre Geschwister nach Berlin, hilft bei der Arbeitssuche. Sie organisiert Familienfeiern in ihrem Haus in Saarmund, kocht, backt, bewirtet, räumt auf. Mit den Geschwistern fährt sie auch in den Urlaub, am liebsten Zelten mit FKK.

Gemeinsame Kinder bleiben Rudi und Marita verwehrt. Irgendwann sagen sie: „Wenn die Natur das nicht will, dann wollen wir es auch nicht.“

1995 die Diagnose Brustkrebs. Die Familie ist schockiert. Nicht so Marita. Sie macht weiter. Will die Kontrolle über das Unkontrollierbare behalten. Selbst im Krankenhausbett liegend hält sie noch Weiterbildungen mit dem Personal ab. Sie will keine Hilfe und keine Rücksichtnahme. Kutsche fahren statt Stadtspaziergang? Nicht wegen ihr. Aufs Golfen verzichten? Es gibt doch Elektrokarren. Nur den FKK-Urlaub möchte sie jetzt nicht mehr. Die Krankheit geht. Marita denkt, mit ihrem starken Willen hat sie es wieder geschafft.

Auf dem Foto von 2008, auf dem sie das Bundesverdienstkreuz erhält, sieht sie gut aus, schwarzer Hosenanzug, kurze Haare, sie lacht. Doch das auf dem Kopf ist eine Perücke. Nach 13 Jahren ist der Krebs wieder da. Schnell wird sie schwächer. Ende Dezember liegt sie im Bett und kann nicht mehr allein aufstehen. Sie sagt zu Rudi: „Das will ich nicht!“ Zwei Tage später, am Neujahrsmorgen, noch mit ein paar Tropfen Sekt auf den Lippen, geht sie, wie sie es sich gewünscht hat, selbstbestimmt und ohne Hilfe. Eine starke Frau, bis zuletzt. Elisa Peppel

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