Berlin : Mark vs Euro: Ist es peinlich, jetzt noch mit der D-Mark zu zahlen?

Stephan Wiehler

Die Kundin an der Supermarkt-Kasse zahlt in D-Mark und zerrt am Geduldsfaden der abendlichen Warteschlange hinter ihr. Münze für Münze studiert die Frau das europäische Wechselgeld, bevor das Geld ins Portemonnaie wandert - und das zwanzig Minuten vor Ladenschluss. Das Volk murrt. Eine Woche nach Einführung des neuen Bargelds scheint die Schonfrist für Euro-Bummler langsam aber sicher abzulaufen.

Zum Thema Ted: Ist es peinlich noch mit D-Mark zu bezahlen? Niemals zuvor hat sich eine Nation so bereitwillig und widerstandslos von ihrem liebsten Statussymbol getrennt wie die Deutschen von ihrer D-Mark. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat das Herz der Bundesbürger kaum etwas mehr für ihre Republik erwärmt als die Wertschätzung der eigenen Währung, die Wohlstand und Stabilität versprach. Eine Liebe zur Nation, die kaum jemand treffender beschrieben hat als Bundespräsident Johannes Rau in seinem Beitrag zur Nationalstolz-Debatte: "Stolz sein kann man nur auf das, was man selbst geleistet hat."

Doch damit schien es in der vergangenen Woche beinahe über Nacht vorbei. Mit der Euro-phorie über die neue Gemeinschaftswährung schien es den Deutschen plötzlich gar nicht schnell genug gehen zu können, die letzten D-Mark loszuwerden und das Restgeld in blanke Euro-Münze umzutauschen. Eine Stunde Null ohne Tränen und Reue, stattdessen lange Schlangen vor Banken, Sparkassen und Gedrängel vor den Postschaltern. Still geworden ist es dagegen um die Schar der Euro-Skeptiker, die noch vor Monaten mit dem Ende der Mark auch das Schicksal der Nation besiegelt sahen.

Dabei hätte die verendete Mark durchaus ein wenig mehr Trauer verdient. Mehr als einmal hat sie den Deutschen zur nationalen Einheit verholfen. Mit ihrer Geburt vor 130 Jahren beendete die Reichsmark 1872 die monetäre Kleinstaaterei und schmiedete das eben gegründete Deutsche Reich zur währungspolitischen Einheit zusammen. Weit stärker als die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Demütigung durch die Sieger erschütterte die Hyperinflation Anfang der 20er Jahre das Vertrauen in Staat und gemeinsame Werte - das Chaos der Geldentwertung bereitete den Boden für den Glauben an die irrationalen Versprechen des Verführers Hitler. Und nach dem verlorenen Krieg bescherte die Währungsreform von 1948 mit dem Wirtschaftswunder einen ungeahnten Schub von Wohlstand und Selbstwertgefühl - ein Erfolgsmodell, an dem 1989"/"90 auch die DDR-Bürger ihren Anteil haben wollten.

Vielleicht ist es gerade diese Erfolgsgeschichte, die den Deutschen den Übergang zum Euro so leicht macht. Schließlich ist die gemeinsame Währung für 300 Millionen Europäer streng nach dem Vorbild der harten und bewährten deutschen Mark geprägt: Das gilt für die Stabilitätskriterien ebenso wie für die Hoffnung auf politische Einheit, die der Euro wie die Mark befördern soll. Die D-Mark geht, aber den Deutschen bleiben immerhin noch Goethe und der Golf und die in aller Welt beneidete Raserei auf ihren Autobahnen als identitätsstiftende Werte.

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