Berlin : Mark White (Geb. 1925)

Ein Glück, dass er nach Berlin kam. Hier wurde er "Mister AFN"

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Mark White, 1952
Mark White, 1952Foto: Privat

An der Berliner Mauer am Potsdamer Platz auf der Seite, die nach Westen wies, stand jahrelang: „Amis raus. Außer AFN“. Die Amis hatten Napalmbomben auf Vietnam geworfen und die Schwarzen diskriminiert – aber der AFN war lässig. Nicht so langweilig wie die deutschen Radiosender, in denen niedliche Mädchen und blitzsaubere Jungs mit Liedchen über den Sonnenschein und die Liebe über die Hölle zuvor munter hinwegsangen. Die AFN-Moderatoren kauten Kaugummi, tranken Cola, leierten keine vorgefertigten Texte herunter, lachten, sangen mit. Und 70 Prozent des Programms bestanden aus Musik. Mit George Gershwins „Rhapsody in Blue“ ging „American Forces Network“ in Berlin am 4. August 1945 zum ersten Mal auf Sendung. Gershwin war Jude.

Und die Berliner hörten zu. Obwohl der Sender eigentlich zur Unterhaltung der GIs gedacht war. „Schattenpublikum“ nannten die AFNer die Leute, deren Schulenglisch zwar kaum reichte, die Texte zu verstehen, die von der Musik aber nicht genug bekommen konnten. Von Musik, die sie aus einer Erstarrung löste. Die ihnen vor dem 8. Mai 1945 zum Verhängnis hätte werden können. „Wir spielten fröhliche Musik, die den Berlinern Hoffnung und einen Geschmack von Freiheit gab“, sagte Mark White.

Mark White, Programmchef von 1952 bis 1988, war „Mister AFN“. Zuerst hatte er gar nicht nach Berlin gewollt, in diese Stadt aus Ruinen. Der Soldat war 1944 in der Normandie gelandet und 1946 aus der Armee entlassen worden, doch zog es ihn nicht zurück nach Hause, seine Eltern lebten nicht mehr. Also konnte er sich, wenn er schon mal da war, das alte Europa ein bisschen angucken. Er wurde Ansager beim Münchner AFN und in Nürnberg und entschied sich dann doch für Berlin. „Berlin ist eine der aufregendsten und faszinierendsten Städte der Welt“, sagte er, der in New York geboren und aufgewachsen war.

Mark White im Interview mit Gregory Peck
Mark White im Interview mit Gregory PeckFoto: Privat

Seine „Big Band Show“ war legendär, er legte Glenn Miller oder The Dorsey Brothers oder Benny Goodman auf, redete während der letzten 60 Sekunden in das Stück hinein, ein cooler Typ, relaxed und vollkommen ungewöhnlich für das deutsche Radioohr. Und dann gab es seine Interviews. Er hat sie alle befragt, alle, Gregory Peck und Louis Armstrong, Duke Ellington, Alfred Hitchcock … Das Gespräch mit Ella Fitzgerald war das schrecklichste, das mit Marlene Dietrich das schönste. Ella Fitzgerald begrüßte Mark lustlos im Morgenmantel und antwortete auf seine Fragen nur mit „Ja“ und „Nein“. Die Dietrich kam 1960 in die Stadt und die Berliner hielten „Marlene go home“-Plakate in die Luft. Zur Pressekonferenz im Hilton trug sie ein hautenges silbernes Kleid, die Stimmung war gereizt. Sie setzte sich nicht hin, sondern ging von Journalist zu Journalist. Bis sie vor Mark stand: „Lassen wir die langweiligen Typen und gehen auf mein Zimmer.“ Sie tranken Whiskey, und Marlene erzählte über ihr Leben in Hollywood und ihre Kindheit in Berlin.

Mark war überall dabei, berichtete über den 17. Juni 1953, über den Bau der Mauer und ihren Fall, über die Besuche von Nixon, Carter und John F. Kennedy.

Während einer AFN-Party mit 200 Gästen flog sein Blick über die Köpfe der Menschen und blieb plötzlich an einer hochgewachsenen, dunkelhaarigen Schönheit haften. Siegrid, eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes. „It was love at first sight.“ Sie heirateten, bekamen einen Sohn und bezogen eine Wohnung hoch oben im Europa-Center, wo zuerst die AFN-Weihnachtsfeiern stattfanden und später lange Pokerrunden ausgetragen wurden.

Als die Alliierten aus Berlin abgezogen waren, bekam er seine eigene, englischsprachige Radioshow beim Sender JFK. Einige Jahre lang flog er für zwei, drei Monate rüber nach Florida, aber Rentner, die in den Sonnenuntergang guckten, langweilten ihn. Lieber traf er sich mit den Jungs vom AFN zum Lunch im Steakhaus am Ku’damm und redete über die alten Zeiten. Am 25. Dezember, nach einem Weihnachtsfest mit seiner Frau, seinem Sohn, seinen Enkeln, legte er sich ins Bett und wachte am nächsten Morgen nicht mehr auf. Tatjana Wulfert

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