Berlin : Markenzeichen verkauft man nicht

Das Architekturbüro D:4 entwickelt Umbaukonzepte für Kirchen

Claudia Keller

Um sieben kommen die Senioren und breiten ihre bunten Turnmatten aus. Die Stühle werden zur Seite geräumt und der Altar durch einen Vorhang verdeckt. Und schon ist der Kirchsaal von St. Andreas eine Turnhalle. Stolz führen der Theologe Marcus Nitschke und der Bauingenieur Thomas Herr vor, wie sich der Kirchenraum in mehrere Räume aufteilen lässt und wie Leuchten hinter dem Vorhang rot, grün, weiß oder lila Licht verströmen – je nachdem, welche Stimmung gewünscht ist oder welche liturgische Farbe das Kirchenjahr für den Gottesdienst vorsieht. Für ihre Idee mit dem Vorhang, dem Licht und dem blauen Turnhallen-Linoleumboden in St. Andreas, die aus alt neu macht, sind die beiden 37-Jährigen im vergangenen Jahr von der Berliner Architektenkammer mit dem Siegel „besonders qualitätsvoll“ ausgezeichnet worden.

Zwei Etagen über dem evangelischen Kirchsaal haben Nitschke und Herr ihre Büros im ehemaligen Schwesternwohnheim eingerichtet. Wo heute Pläne zur Umnutzung von Kirchen geschmiedet werden, schliefen in Einzelzellen früher Nonnen. 1999 haben Nitschke und Herr ihre Agentur „D:4“ gegründet, heute sind sie schon zu siebt, die Hälfte sind Theologen, die andere Hälfte Architekten und Ingenieure. Denn durch die Finanznot von Protestanten und Katholiken sind ihre Vorstellungen immer gefragter. Aus der Schinkel-Ruine St. Elisabeth in Mitte wollen Nitschke und Herr eine Media-Church machen und der Zionskirche in Prenzlauer Berg den Sprung ins Neue erleichtern. Die St.Matthäus-Kirche am Kulturforum verwandeln sie in ein Veranstaltungszentrum und dem Bistum Magdeburg haben sie ein Museum beschert. Jetzt haben Nitschke und Herr ihre Dienste dem Erzbistum Berlin angeboten.

Aus dem Stegreif wissen die Leute von D:4 aber auch nicht, was man mit leer stehenden katholischen Kirchen anfangen soll. Denn ihr Prinzip heißt: Jede Kirche ist anders, und keine Gemeinde tickt wie die andere. Will man erfolgreich etwas verändern, kann man nicht an den Stimmungen und Identitäten vorbeiplanen.

„Diskussionen, ob man an heiligen Orten eine Diskothek oder eine Sparkasse einrichten dürfe, sind doch rein theoretische Diskussionen“, sagt Herr. Das Geld, das man erst einmal in den Umbau, in die Heizung, in die Isolierung, in die Akustik und neue Fenster stecken müsse, das habe heute keiner mehr. „Der Hall, der für eine Predigt gut ist, vermasselt jedes Jazz-Konzert“, sagt Nitschke, „die Kirche für anderen Zweck zu nutzen, ist ein Glücksfall“. „Die Kirche als Anbieter auf dem Immobilienmarkt ist überflüssig“, sagt Herr. Auch dem Konzept Kulturkirche verheißen die Planer von D:4 keine Zukunft. „So viele Lesungen, Konzerte und Podiumsdiskussionen gibt es gar nicht.“ Schon jetzt würden sich die evangelischen Kirchen in Kreuzberg, die als Kulturkirchen genutzt werden, gegenseitig Konkurrenz machen.

Was dann? Nitschke und Herr beugen sich im Konferenzraum über zwei alte Kirchentische und erzählen von ihrer Arbeit in Lübben. Dort will sich die Evangelische Kirchengemeinde auf ihre wesentliche Aufgabe besinnen und dafür umbauen. Nach einem Jahr heikler Diskussionen in der Gemeinde, im Kirchenrat und im Stadtrat, habe man sich geeinigt, ein neues Gemeindezentrum zu bauen. Nitschke und Herr fallen noch andere Dinge ein, was man mit Berliner Kirchen anfangen könnte: Die Berliner Museen suchten Räume, um ihre Gemälde unterzustellen oder Bildhauer ein Atelier. Warum sollte man nicht eine Kindertagesstätte in den Kirchenraum verlagern, wenn das Kita-Grundstück leichter zu verkaufen sei als eine Kirche? Auf jeden Fall sollte man zuerst die Gemeindehäuser und alle anderen Grundstücke verkaufen als die Kirche, meinen die Planer von D:4: Kein Markenartikler würde als Erstes sein Markenzeichen verkaufen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben