Berlin : Markt der Unmöglichkeiten

Die alte Marheinekehalle – das war einmal. Gestern schloss sie wegen Umbaus. Eine letzte Einkaufstour

Annette Kögel

Karen Thastum dokumentiert alles stereo. Links der Fotoapparat, rechts die Digicam. „Ich will die Halle festhalten“, sagt sie. „Wenn was Neues kommt, droht in der Schnelligkeit immer was wegzubrechen.“ Eine philosophische Lektion inmitten von Umzugskartons und Abbruchschutt, Verpackungsmüll und finalem Verkaufsgeschehen. Es sind die letzten Sekunden des traditionellen Händlertreibens in der Marheinekehalle in Kreuzberg. Karen Thastum hat sich an diesem Sonnabend mit Mann und Kindern auf Familienausflug in die 1892 erbaute Halle begeben, in ihre Nachbarschaft. Noch ein Foto, dann zeigt der Zeiger der verblichenen „Schultheiss Bier“- Uhr oben an der Decke 14 Uhr. Schluss, aus, vorbei. „Time to say goodbye“, dröhnt es aus den Boxen über den Ständen. Die Markthalle ist tot, es lebe die Markthalle.

Mehr als vier Millionen Euro wird die Berliner Großmarkt Gesellschaft (BGM) investieren, um die zuletzt immer leerer gewordene Traditionshalle mit neuem Leben zu erfüllen, sagt Projektmanager Frieder Rock – und nimmt einen Schluck Sekt aus dem Plastikbecher. Konfetti liegt auf der Erde. Die Türen sind zu, nur die Händler stehen noch zusammen, lesen das Abschiedsgedicht der Kiezkünstlerinnen Maria Prüfer und Anke Kuckuck laut vor: „Du musst dich bewegen, sonst stehst du im Regen“, lautet eine Zeile. Applaus.

45 Händler waren mal unterm Dach der ausgebombten, 1953 wieder aufgebauten Halle zu Hause. 39 waren es vergangenes Jahr. 26 ziehen nun mit in das Containerdorf draußen auf dem Marheinekeplatz, große Geschäfte wie Tchibo und der Buchladen kommen wieder. Elf Händler müssen aus Altersgründen oder wegen finanzieller Schwierigkeiten aufhören. „Ich wünsche euch alles Gute“, prostet Andrea Börner ihren ehemaligen Kollegen zu.

Zwölf Jahre hat sie ihr Blumengeschäft betrieben. Die letzten sechs Jahre der Selbstständigkeit hat sie „montags bis sonnabends 80 Stunden“ gearbeitet. Morgens um vier raus, abends um acht zu Hause. Das erste Mal Urlaub war 2006 drin, zwei Wochen in der Region. Jetzt geht sie mit Schulden in die Arbeitslosigkeit, muss Insolvenz anmelden. Früher haben die Kunden in ihrem Laden „Plüschtiere für 40, 50 Mark ohne Wimpernzucken mitgenommen. Jetzt meckern sie über ein Tier für 10 Euro“.

Das globale Weltgeschehen wirkt sich bis in den Kiez aus. Die Euro-Einführung, sagen sie hier, der 11. September, da ging ein Ruck durch die Halle. Die Leute würden seitdem sparen. „Viele alte Kunden sind weggestorben, Familien mit Kindern wandern in andere Bezirke aus, etliche Firmenkunden sind weggebrochen“, sagt Andrea Börner, 48, aus Hohenschönhausen.

Andere blieben treu. Wie Claudia Janikowski, die mit Tochter Jolanda eine Abschiedsrunde dreht und von Frau Börner noch ein buntes Vögelchen als Präsent mitbekommt. „Meine Tochter ist mit der Halle groß geworden. Wenn wir hier durchlaufen, ist sie satt: Hier gibt’s ein Stückchen Fisch, da Käse, hier Wurst.“

Das Sortiment soll nach der Wiedereröffnung vor Weihnachten 2007 breiter gefächert sein. Mehr Bio, mehr Angebote von Bauernhöfen aus dem Umland. Statt der engen Gänge mit den streng gezogenen Reihen soll es in der Mitte der 2000- Quadratmeter-Halle einen Marktplatz geben. Die erste Reihe ringsherum soll den Lebensmittelanbietern gehören, der Außenring ist fürs Kleingewerbe gedacht. Oben gibt es eine Galerie mit Gastronomie und Kinderbetreuung – und die Front rundum mit viel Glas soll neue Ein- und Ausblicke ermöglichen. Besseres Licht, bessere Luft, das soll Kunden locken. Gabriela Burghardt und Claudia Benders wissen noch nicht, ob sie dazugehören. „Der ganze Kiez, auch die Bergmannstraße mit diesem neuen Gesundheitszentrum, verliert an Flair.“ Ihnen pflichtet George Otto bei – der amerikanische Journalist hat sogar für das Magazin „Urban Land“ in seiner alten Heimat Chicago über „die letzte Halle Berlins dieser Art“ berichtet.

Derweil läuft Hanna Zimmermann, 42, mit Sohn Linus eine letzte Runde. Stoppt an ihrem „ Lieblingsgeschäft“, dem Haushaltswarenladen von Händlersprecherin Angela Spreu. Diese sagt, alle seien zuversichtlich. Frau Zimmermann sagt, sie habe hier alles bekommen, vom Aufsatz für den Gasherd bis zur Papiertischdecke für Kindergeburtstage zum Bemalen. Dann macht auch sie Fotos zum Abschied. Der persönliche Kontakt, die individuelle Beratung, das bleibt, hofft sie. Klick. Wie sich Haushaltswarenverkäuferin Marlies Schneider fühlt? „Gänsehaut pur.“

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